Donnerstag, 2. Juli 2015

Hüte dich !!





Jemand will mir Böses flüstern
von der neuen Nachbarin.
Und des Teufels Flammen knistern.
Und der Boden ist so dünn ...

Dieser Boden, wo man säet
eine böse finstre Saat.
Wo man Eigenschaften blähet,
trotz dass ich um Einhalt bat.

Vorurteile noch und nöcher,
rein aufs Äußere gezielt.
Ein mit Gift gefüllter Becher
wird mir ins Gehör gespült.

Was für eine spitze Zunge
mir doch gegenüber steht,
und mit Elefantenlunge
Nachbars' Kleid komplett verdreht.

Ich versuch' zu unterbrechen
das dämonische Geschwätz.
Denn das Hauen und das Stechen
wächst zu einem Spinnennetz,

wo Frau Nachbarin - nichtsahnend -
um ihr kleines Leben kämpft.
Also gebe ich mich mahnend,
bis der Feind die Worte dämpft.

Und ich gebe zu verstehen,
dass mir Tratsch zuwider ist:
"Nun, an Ihnen lässt sich sehen,
dass die Schlange Seelen frisst.

Wie Sie Vorurteile fällen,
mit Verlaub, ermüdet mich.
Dieses "in-die-Ecke-stellen"
ist das Sündhafte an sich!

Statt sich erstmal zu beäugen,
saust sofort die Axt ins Bein.
Aber, ach, ich kann bezeugen:
Immer wird 's ein Trugschluss sein !!"

Sprach es aus und ließ den einen,
dessen Tratsch den Grund entbehrt,
still zurück und hab' sein Weinen
lange, lange noch gehört ....


(c) Bettina Lichtner



"Verdammet nicht, so werdet ihr auch nicht verdammet. Man kann sich an dem Nächsten versündigen und ihm Schaden tun durch ein schnelles und übereiltes Urteil über denselbigen, welches der Heiland Verdammen nennt. Dazu hilft der Argwohn, welcher die Gemüter verstellet, den Nächsten mit Verdacht belegt, ihn unschuldig einer Untreue, Bosheit und Falschheit beschuldigt, daran er vielleicht nicht gedacht und nichts davon weiß. Hierher gehört die Leichtgläubigkeit, wenn man alles glaubt, was uns von dem Nächsten vorgebracht wird, da man Lügen für Wahrheit, Verdächtigungen für geschehene Dinge annimmt. Endlich das sündliche Nachsagen, was man von dem Nächsten Böses höret. Stolz, Neid, Hass, Verachtung des Nächsten, sind die unglückseligen Quellen, daraus das Richten und Verdammen fließet. Vor diesem hüte dich, Seele, wenn du willst ein Kind des himmlischen Vaters sein!" (Johann Friedrich Stark, 1842)





Sonntag, 28. Juni 2015

Gedicht von Julius Mosen



Ziehende Schwalben

Die Schwalben, alle Schwalben -
beim Hirten sind sie gern,
und wenn die Blätter falben,
ziehn sie wohl in die Fern';
So gern, so gern -
weit in die Fern'!

Zu jedem Lamme plaudern
sie noch ein heimlich Wort:
"Wir dürfen nicht mehr zaudern,
der Winter treibt uns fort,
von Ort zu Ort
uns fort, uns fort."

Der muntre Hirte singet:
"Seht ihr nach meinem Sinn
ein Mädchen, ja dem bringet
die schönsten Grüße hin,
nach meinem Sinn,
dahin, dahin!"

Die Schwalben ziehen munter
durch grauen Nebelstreif,
der Hirte still hinunter
im ersten Winterreif
und Nebelstreif
und Schnee und Reif.

Die Schwalben kehren wieder -
des Hirten froher Sinn,
des Hirten frohe Lieder,
wo ist das alles hin?
Und alles hin -
Dahin - dahin!



(c) Julius Mosen

Immer auf die anderen



Was nörgelst du an mir herum?
Ich weiß um meine Macken.
Halt lieber ein und bleibe stumm!
DEIN  Fehler-Sammelsurium
sollst du beim Schopfe packen.

Eh du den Nächsten kritisierst,
sollst du dich selbst befragen.
Statt dass du andere studierst
und Kragen gar und Kopf riskierst,
hast du genug zu tragen

an deinem mangelhaften Ich.
Auf andere zu schauen
ist wahrlich einfacher für dich,
doch lassen sich aus Hieb und Stich
nur selten Brücken bauen.

Was dir beim Nächsten nicht gefällt,
erzählst du gern ausführlich.
Doch deine eigne Schattenwelt
wird möglichst nicht ins Licht gestellt.
Wie bist du despektierlich ...

So suchst du nun tagaus, tagein
des andren Fleck zu finden,
lädst Schimpf und Schande zu dir ein,
doch sähest du in dich hinein:
du fändest lauter Sünden.



(c) Bettina Lichtner


"Richtet nicht, so werdet Ihr auch nicht gerichtet. Richten und über den Nächsten urteilen, kann erlaubt und unerlaubt sein. Obrigkeiten fällen mit Recht ein Urteil über den, der verklagt wird, der eine Übeltat begangen hat. Also auch die Eltern beurteilen mit Recht ihre Kinder, und Herrschaften ihres Gesindes Verhalten. Den Nächsten richten, sein Tun beurteilen, in seiner Gegenwart ihn vom Bösen abmahnen, die Gefahr vorstellen, seine Werke, Verfahren und Beginnen missbilligen, wenn es in Liebe und mit Bescheidenheit geschieht, ist ein Balsam und ein freundliches Schlagen eines wahren Freundes. Den Nächsten richten, in seiner Abwesenheit, ihn allerlei beschuldigen, ist unchristlich und verdammlich. Seele! Nimm dir diese Regel zur Lehre: rede von deinem abwesenden Nächsten also, als ob er dabei stände, und was du nicht getrauest von ihm zu sagen in seiner Gegenwart, das rede auch nicht in seiner Abwesenheit." (Johann Friedrich Starck)


Mittwoch, 24. Juni 2015

eingekehrt




"Ich bin gar nicht musikalisch"
ruft ein Fräulein hin zum Mann.
'Schade nur', denkt er satanisch,
'dass sie Trübsal blasen kann ...'

Weiter denkt er im Geheimen
an ihr Katzenjammer-Lied,
wenn bei ihr die Sorgen keimen
(was nur allzu oft geschieht).

"Denkst du etwas, das mir schadet?",
fragt das Fräulein, ahnend schon,
das sein Geist in Zweifeln badet
und eventuell in Hohn.

"Sag es nur, ich seh 's im Blicke,
dass du irgendwas verschweigst.
Fülle doch die Wissenslücke
mir, indem du Flagge zeigst."

Und der Mann? Soll er es wagen?
Soll er kundtun, was er denkt?
Soll er ihr ins Antlitz sagen,
was ihm in der Seele hängt?

Denn das Fräulein lässt nicht locker:
"Bin ich musikalisch? Sprich!!"
"Ja!", sagt er. Sie haut 's vom Hocker:
"Bitte korrigiere dich!"

Er erzählt vom Katzenjammer,
und vom Trübsalblasen auch.
Sie rennt zeternd in die Kammer
und hat blinde Wut im Bauch.

Baut sich dort wohl ein Orchester.
Bläst die Trübsal vorneweg.
Von Neujahr bis zu Silvester
trägt sie schwer an diesem Schreck.

Als sie sich gesammelt hatte,
war der trübe Jammer fort.
Und ihr ehrenwerter Gatte
lobte sie mit Dankeswort.

Ihre Einkehr hin nach Innen
öffnete des Glückes Tor.
Das so liebliche Besinnen,
war Musik in Gottes Ohr ...



(c) Bettina Lichtner


"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm." (Psalm 98,1)

Dienstag, 23. Juni 2015

Gebet von Teresa von Avila



Gebet des älter werdenden Menschen

"O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich nachdenklich
(aber nicht grüblerisch),
hilfreich
(aber nicht diktatorisch)
zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen
zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
und Beschwerden. Sie nehmen zu,
und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich,
an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."


(Teresa von Avila)