Freitag, 31. Oktober 2014

vergossen, vergessen

So viel Blut hast du getrunken,
Erde, du, mein Mütterlein.
Sind die Tropfen auch versunken -
keiner darf vergessen sein.

Hast sie schweigend aufgesogen.
Doch vergessen hast du nicht.
Denn du bist vom Blut durchzogen,
Schicht um Schicht um Schicht um Schicht ...

Und die Toten sind begraben,
deren Blut dich reich genährt.
Ihre Namen möcht' ich haben,
doch die Zeit ist längst verjährt ...

Blutvergießen ohne Ende.
Gestern, heut' und immerzu
Geben denn die Mörderhände
niemals auf und niemals Ruh'?

Schlachten waren 's, wo sie fielen.
Kriege für das Vaterland.
Ja, ich kann die Schmerzen fühlen
in dem rotgefärbten Sand.

Blutig rote, bittre Spuren.
Keiner mehr, der daran denkt.
Denn durch eigene Blessuren
ist das Herz genug gekränkt ...

Allesamt sind sie vergessen.
Keine Namen. Kein Gesicht.
Ach, ich wüsste gerne, wessen
Blut da durch die Krume bricht.


(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Wenn alte Blätter wirbeln

Ein Zittern liegt im Atemhauch.
Das Wort muss mehrmals stocken.
Die Greise muss sich niederhocken,
ich tupfe ihre Augen trocken
(und ach, die meinen auch ...).

Was ihr und mir ans Innre geht?
Erinnerungsgefühle ...
Es sind die alten Reiseziele,
die auf die alten Kinderstühle
sich setzen, Ihr versteht?

Es ist das Flammen einer Zeit,
die irgendwann gewesen.
Sie lodert durchs Gedankenlesen,
und kehrt mit einem weichen Besen
was längst das Licht gescheut.

Ein kleines Mädchen springt hervor,
das Haar zum Zopf gebunden.
"Jetzt hab' ich dich ja doch gefunden!",
die Greise schwelgt in Lebensstunden.
Ich leih' ihr Zeit und Ohr ...

"Das Mädchen da, bin ich. Mein Gott ...."
Die Spule kommt ins Rollen.
Ereignisse, die längst verschollen,
die keiner hat mehr haben wollen,
als herbstlicher Kompott ...

"Der Frühling war so schön. So leicht.
So unbeschreiblich blühend.
Doch Lebenszeiten sind so fliehend ...
Was eben noch so sonnenglühend,
hat bald die Nacht erreicht.

Das Mädchen, das ich war und bin,
das hatte Spaß am Leben.
Das wollt' den Stunden Freude geben.
Das pflückte sich die süßen Reben
nur so. Ganz ohne Sinn.

Und war zufrieden. Ja, ich war
mit alledem zufrieden.
Es war mir so ein Glück beschieden.
Nun will das Leben mir ermüden.
Ergraut .... das Kinderhaar.

Jetzt ist der Herbst des Lebens da.
Doch alte Blätter wehen.
Wie schön war es, hindurchzugehen,
sie aufzuwirbeln und zu sehen,
das Gute liegt so nah ..."



(c) Bettina Lichtner
Halleluja







Mittwoch, 29. Oktober 2014

Kopfüber in die Falle

Tausend kleine Nadelstiche
hat das Leben mir gebrockt.
Allesamt Vertrauensbrüche.
Kam ich ihnen auf die Schliche,
ist der Atem mir gestockt.

Ließ sich vorher nicht erahnen,
wie der Hase laufen würd'.
Schienen ja so gerade Bahnen ...
Doch dann wuchsen die Schikanen
und schon war das Herz zerklirrt.

Dabei schienen mir die Augen,
und die Worte und der Rest
für die Ewigkeit zu taugen.
Doch ihr Ziel war auszulaugen,
bis mich alle Kraft verlässt.

Und schon klafften diese Risse.
Und es roch nach bösem Blut.
Und aus Worten wurden Schüsse.
Ach, wo war nur das gewisse
Etwas von der letzten Glut?

War es denn so täuschend ehrlich?
Hab ich 's Spiel denn nicht durchschaut?
Plötzlich bin ich so entbehrlich,
und ich frage unaufhörlich:
wem nur hab' ich blind vertraut??

Und jetzt steht mir gegenüber
dieser Fremde. Dieses Du.
Ja, ich stürzte mich kopfüber
in das schönste Liebesfieber.
Und die Falle schnappte zu ....



(c) Bettina Lichtner
Halleluja





Dienstag, 28. Oktober 2014

Unter Tage

In der U-Bahn herrscht ein so betretnes Schweigen.
Und ich übe mich im heimlichen Beäugen
all der Menschen, die sich auf den Bänken reihen,
und ich wünschte, dass sie einmal lächelnd seien.

Manche Nasen stecken tief im Digitalen.
Ach, wie gerne würd' ich aus den harten Schalen
all die weichen Kerne, die sich drin versperren,
an die gut getarnte Oberfläche zerren ...

Auch ein Buch kommt in der U-Bahn neu zu Ehren.
Und ich kann mich einer Freude kaum erwehren,
dass bedruckte oder illustrierte Seiten
in modernen Welten weiter was bedeuten ...

Unter Tage rast die Bahn zu den Stationen.
Im Waggon erstarren alle Emotionen.
Manchmal treffen fremde Augen auf die meinen,
doch die Blicke tun sich schwer, sich zu vereinen.

Neuer Halt. Die einen kommen, andre gehen.
Ich werd' keinen dieser vielen wiedersehen.
Und die Bahn fliegt über meterlange Gleise.
Eine schnelle, eine anonyme Reise ...



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Montag, 27. Oktober 2014

Falsch eingeschenkt

Einer lallt am leeren Tresen:
"Schnaps, du seist mein letztes Wort.
Du sollst meinen Kummer lösen,
denn mein Tag ist hart gewesen."
Und er trinkt in einem fort ...

Und der Schnaps denkt: "Nicht schon wieder!
Wieder bin ich nur Gesöff.
Wieder diese alten Lieder!
Und am Ende kniet er nieder ...
(ob ich 's Klo wohl diesmal treff'?).

Immer diese Leidensleier!
Ich hab 's satt, ein Schnaps zu sein.
Und am Ende?? Nur Gereier!
Dafür bin ich mir zu teuer!
Wär' ich doch ein edler Wein.

Ja, als Wein würd' ich genossen
in dem besten Restaurant.
Würd' gelobt von hohen Bossen.
Wär' ins schönste Glas geflossen,
und wär' rouge, rosé und blanc.

Dürft' das feinste Mahl umrahmen.
Träumerei bei Kerzenschein.
Feinen Herren, feinen Damen,
allesamt von Rang und Namen,
dürfte ich zu Diensten sein.

Ach, das Leben wäre herrlich,
wär' ich nur ein Rebensaft.
Ja, ich sage es ganz ehrlich:
Schnaps zu sein, ist nicht begehrlich
und bisweilen ekelhaft.

Meistens kippt man mich hinunter,
eins und zwei und noch viel mehr.
Doch ich mache nicht putzmunter,
nein, ich zieh' noch weiter runter,
zieh sogar den Magen leer.

Kummer aber lös' ich selten.
Auch am nächsten Tage nicht.
Ich leb' meist in Sorgenwelten.
Würde gerne mehr noch gelten,
wo sie jammern, wo sie schelten,
Doch ich bin kein Hoffnungslicht ...



(c) Bettina Lichtner
Halleluja