Samstag, 31. Januar 2015

Aaron



Die letzten Schritte in die Kammer der Vernichtung.
Der kleine Aaron hält die Hand der Mutter fest.
Ein kleines Reh grast in der lagernahen Lichtung.
Der graue Himmel und vom Leben noch ein Rest.

Und Aaron denkt an seine vielen Kameraden
der kurzen Schulzeit, die er ach so sehr vermisst.
Sie wurden allesamt im Lokwaggon verladen.
Und keiner ahnte um des Lebens knappe Frist.

Und Aaron denkt an seinen lieben guten Vater,
aus dessen Arm ein brauner Scherge ihn entriss.
Er denkt an Pepe, seinen kleinen weißen Kater,
der liebend gerne in die Rosenblätter biss.

Und Aaron denkt an Opas' wilde Räuberspiele,
an Omas' Kuchen, den er immer so gemocht.
Jetzt überkommen ihn so schmerzliche Gefühle.
Nur ein paar Schritte und dann löscht der Tod den Docht.

Und Aaron denkt an all die Gute-Nacht-Geschichten,
die seine Mutter ihm vorm Schlafengehen las.
Denkt an sein Zimmer und den warmen, ja so schlichten
und trauten Ofen, wo er gern die Zeit vergaß.

Und Aaron drückt die Hand der Mutter immer fester.
Er sieht sie weinen und da bricht es ihm das Herz.
"Ach, liebster Aaron", sagt sie, "warst und bleibst mein Bester."
Es ist ein kalter Tag, der neunzehnte im März.

Die Kammer öffnet sich. Sie müssen sich entkleiden.
Der kleine Aaron sah die Mutter nimmer nackt.
Nun müssen beide aus dem jungen Leben scheiden.
Ein letzter Kuss, dann hat der Gas-Tod sie gepackt.



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Freitag, 30. Januar 2015

Verbal-Erotik



Kaum, dass ein Wort sich erotisch bekleidet,
hat 's der Voyeur schon im lüsternen Blick.
Wie er sich lustvoll und schmachtend dran weidet,
an dem verbalen, so aktreichen Stück.

Seine Gedanken, von Gier ganz besessen,
haben den lyrischen Busen entblößt.
Wandern zum bebenden Schoß und indessen
hat sich die Un- von der -sitte gelöst.

Tastende Worte in heißen Gefilden
haben das lesende Augen betört.
Zügellos fliegen die glühenden, wilden
Sinne und haben wer weiß was begehrt.

Buchstaben tragen den ach so Verführten
in eine Welt, wo nur Küsse und mehr
seine verwirrten Gefühle berührten.
Ach, und die Zeilen sind höhepunktschwer.

Hinter der Stirn geht die Nacktheit spazieren.
Sünde, oh Sünde, der Apfel schmeckt gut.
Hinter der Stirn darf das Herz sich verlieren.
Auf dem Papier nimmt der Anstand den Hut.




(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Donnerstag, 29. Januar 2015

Herzliche Grüße



Der Frühling wartet sittsam unter Tage
darauf, dass der Kalender ihm die Uhren stellt.
Die Wurzeln ruhen schweigend noch im Winterfeld.
Doch erste Knospen zeigen sich schon vage.

Die Kälte hält die Zeit in ihren Klauen.
Der Schnee legt seine Kleider übers triste Tal.
Es lässt die weiße Pracht so ein ums andre Mal
mich in die fernen Kindertage schauen.

Dort seh' ich einen kleinen roten Schlitten.
Er saust mit mir wohl hundertfach den Berg hinab,
bis dass ich von den freien Spielen Hunger hab',
und warme Suppen mich zu Tische bitten.

Und heute mag der Winter mich nicht freuen.
Ich warte auf den Frühling und sein buntes Bild.
Die Kinderträume habe ich genug gestillt,
nun ist es Zeit, sie allsamt zu befreien.

Befreien aus der Wehmut, die so schmerzlich.
Vorbei, vorbei, der Frühling meiner Lebenszeit.
Was bringt mir schon die Reise zur Vergangenheit?
Es grüßen Herbst und Winter mich so herzlich.

Und greifen nach den allerletzten Jahren.
Die Jahre, da das Herz den Sinn des Lebens sieht.
Die Jahre, da im Geist die reine Liebe blüht.
Ach, könnt' ich noch den roten Schlitten fahren ...



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Mittwoch, 28. Januar 2015

Teurer Rat




Würge mich nicht, du mein Leben.
Lass mir Luft zum Atemholen.
Mich genügsamer zu geben,
hat mir just der Arzt empfohlen.

Doch du jagst mich wie ein Jäger,
und du bürdest mir Pakete.
Bin ich denn dein Lastenträger?
Sieh, ich hab' Bluthochdruck-Röte ...

Immerzu soll ich dir dienen.
Sklaventreiber musst zu heißen.
Und mein Körper muss es sühnen,
sich so schindend zu zerreißen.

Jeden Tag die vielen Pflichten.
Alle Stunden nur Befehle,
dies und jenes zu verrichten.
Meine ach so arme Seele ...

Und der Arzt schreibt mir Rezepte,
und sein Rat wird langsam teuer.
Bloß, weil ich ein Leben schleppte,
das mich ausnutzt wie ein Freier.



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Dienstag, 27. Januar 2015

70 Jahre zurück



Über den kärglichen Todesbaracken,
kreist die Geschichte der grausamsten Zeit.
Wahrlich, mir stehen die Haare im Nacken,
denk' ich an Auschwitz, und wie es befreit ...

Braunes Gesindel war Schuld an der Hölle.
's schnürt mir das Herz, wenn 's Vergangene spricht.
Wieder und wieder erklingen Appelle:
"Rückt diese Gräuel nur immer ins Licht!"

Angst macht sich breit vor dem schnellen Vergessen.
Doch das Kapitel bleibt ewig geerbt,
hat sich so tief ins Geschichtsbuch gefressen,
und unsre Westen bis heue verfärbt.

"Oh, Ihr Berserker, was habt Ihr verbrochen???
Euer Gewissen .... besudelt mit Blut.
Euch hätt' ich gerne persönlich gesprochen,
hätt' gern geseh'n, wessen Hand sowas tut.

Kinder zu morden, und Männer und Frauen.
Nackt wie die Tiere ins tödliche Gas ...
Ihnen sogar noch ins Auge zu schauen,
zeigt, dass man keinerlei Liebe besaß.

Zeigt, dass Ihr kalt ward. Man möchte erfrieren ...
"Rückt diese Gräuel nur immer ins Licht."
Heut' öffnet Auschwitz der Welt seine Türen.
Stumm liegt es da, doch es spricht und es spricht ..."



(c) Bettina Lichtner
Halleluja