Dienstag, 21. Oktober 2014

Als der Riese kam

Liebe alte Tante Emma!

Ja, es ist schon ein Dilemma,
dass man dir die Türen schloss,
seit da dieser Kaufhaus-Boss
- dem ich von Beginn misstraute -
sich den goldnen Käfig baute.

Du, geliebter Krämerladen ....
Die Bonbons und Schokoladen,
die ich einst bei dir erstand
mit der jungen Kinderhand,
werden unvergessen bleiben -
auch die frischen Stullenscheiben.

Schon das Klingeln an der Pforte
(gibt heut keins von gleicher Sorte)
grub sich ewig ins Gehör.
Wenn 's doch so wie gestern wär' ...
Diese ganzen Kaufhausriesen
drücken auf die Tränendrüsen.

Ja, du kanntest alle Namen
von den Kunden, die da kamen.
Und ein Lächeln war gewiss!
Wie ich diese Zeit vermiss ...
Wie 's mir doch das Herz beglückte,
wenn ich nur den Türgriff drückte.

Viele Male blieb ich stehen,
um durchs Schaufenster zu sehen,
das so liebevoll und bunt
meinen kleinen Kindermund
vollends zum Erstaunen brachte,
und mich gar begierig machte.

Ach, und heut' gibt 's Kaufhausketten.
Und du warst nicht mehr zu retten.
Die Erinnerung an dich
ist gleich Honig und gleich Stich.
Liebe Tante Emma, Gute,
mir ist weinerlich zumute ...


(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Montag, 20. Oktober 2014

Er an Sie

"Meine Liebste", schreibt die Feder,
die der Jüngling zitternd führt,
"ach, es gibt kein Noch und Weder:
Ja, mein Herz ist irritiert ...

Irritiert nur wegen Ihnen!
Das Gehirn ist gar verdreht.
Eine Liebelei im Grünen -
glauben Sie, das da was geht?

Nun, ich will nicht drängend scheinen,
doch ein Kuss von Ihrem Mund,
wärmend, zärtlich auf dem meinen,
ist ein Wunsch in dieser Stund'.

Die Gedanken sind wie Pferde,
springen wild im Kopf umher,
dass ich selbst ein Wilder werde,
denn ich wünsch' mir noch viel mehr ...

Mag 's fast gar nicht hier notieren,
doch es ringt in mir nach Luft.
Mich an Ihrer Brust verlieren,
Gnädigste, ... im Rosenduft,

ist es nicht auch Ihr Verlangen?
Sagen Sie 's! Wer hört es schon ...
Hat mein Wort Sie nun gefangen?
Werten Sie 's als blanken Hohn?

Tun Sie 's nicht, denn die Gefühle
spielen keinen Streich mit mir.
Wenn doch nur Ihr Schweigen fiele ...
So wie meins auf dem Papier.

Meine Liebste, ich bin wahrlich -
liebend Ihnen zugewandt.
Brief um Brief schreib' ich beharrlich,
auch noch mit der greisen Hand ..."


(c) Bettina Lichtner
Halleluja



Sonntag, 19. Oktober 2014

Teufelskunden

Die sich sonst bei Tag verstecken,
kriechen nachts aus ihren Ecken,
treiben Unheil in den Gassen,
haben sich verteufeln lassen.
Lassen sich nicht gern entdecken,
wenn sie böse Pläne hecken ...

Einer steigt mit leisen Schritten
unbemerkt in fremde Hütten,
raubt den Schmuck und auch die Taler
von dem braven Steuerzahler.
Eine Straftat ... unbestritten.
Einer stahl und andre litten.

Wieder einer - sturzbetrunken -
ist niveaulos abgesunken,
wankend, schwankend, lallend, grölend,
wirres, irres Zeug erzählend.
Hat nach Bier und Schnaps gestunken
nach der Reise durch Spelunken.

Mörder kommen still gekrochen,
haben frisches Blut gerochen.
Hinterlistig, grausam, feige,
- nur der gute Mond ist Zeuge -
wird erschlagen und erstochen,
und ein Kelch vom Stiel gebrochen ...

Irgendwo, da lauert einer
einer Frau und unsereiner
liegt derweil in weichen Daunen,
während draußen Lust und Launen
sich bedienen, ach und keiner
reißt die Frau von diesem Streuner ...

Andre (meistens Ehegatten),
leben nachts in ihrem Schatten,
streifen durch das Rotlichtviertel,
weil da unterm straffen Gürtel
Samenzellen Hunger hatten
und sich Fehltritte gestatten ...

Ja, des nachts .... Und dann bei Tage
plagt sie die Gewissensplage.
Vor dem Beichtstuhl eine lange
reuevolle Menschenschlange.
Kehrt jedoch die dunkle Stunde,
ist man wieder Teufels' Kunde .....




(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Freitag, 17. Oktober 2014

Muster-Protest

"Gestatten, Normalbürger, Otto!"
Doch, hoppla, da kriegt die Emanze 'nen Schreck,
denn "FRAUENRECHT" lautet ihr Motto -
drum muss dieser "Otto" sofort wieder weg.

Sie will keinen männlichen Namen!
Nicht Mustermann Max und nicht Otto Normal.
Sie will einen weiblichen Rahmen!
Es stehen genügend Ideen zur Wahl ...

Dem Mustermann Max gab man passend
die Mustermann Erika treu an die Hand.
Jedoch - alles Männliche hassend -,
verschmäht die Emanze das Mustermann-Band.

Ihr wäre die Musterfrau lieber.
Und Otto Normal ist ihr auch nicht genehm.
Ich zöge gern Schwämme darüber,
denn derlei Gedanken sind selten bequem.

Schon glühen die Drähte und Tasten.
Frau tüftelt am Web-Petitionsformular
(natürlichen zu männlichen Lasten),
und sieht gar das weibliche Recht in Gefahr.

"KEIN OTTO! KEIN MAX! UNTERSCHREIBEN!!" -
so heißt die Devise. Der Aufruf steht fest.
Ich lasse das Teilnehmen bleiben.
Ich halt nichts von solch einem Namensprotest.

Nicht lang' und die ersten signieren.
Die Liste nimmt Form an. Die Weiblichkeit kämpft.
Der Aufbruch ist förmlich zu spüren.
Und keiner, der 's Heiße im Brodelnden dämpft.

Die Frauen sind scheinbar entschlossen.
Kein Otto. Kein Max. Nicht das ER, sondern SIE.
Das Pulver wird reichlich verschossen.
Doch zwingen sie wirklich das Amt in die Knie???



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die breite Masse

Irgendwo inmitten vieler
sitzt ein Mensch mit sich allein.
Drumherum ward 's laut und kühler.
Keiner möchte Letzter sein.

Und der Mensch, den ich erwähnte,
sieht der breiten Masse zu,
wie sie ihrem Hunger frönte
nach Besitz - gar ohne Ruh'.

Scheinbar von der Gier getrieben,
jagt die Masse hin und her.
Hat sich längst dem Geld verschrieben,
und will mehr und immer mehr.

Hält nichts von Zufriedenheiten.
Unersättlich ist ihr Herz.
Nichts mehr wollen, würd' bedeuten:
abgrundtiefer Seelenschmerz.

Nein, sie will ja haben. HABEN.
Ganz egal, wie hoch der Preis.
Nicht ein Tag, der ohne Gaben!
Doch sie dreht sich nur im Kreis ...

Ohne, dass sie 's merken würde.
Erst am End' von der Geschicht'
(bei der letzten Lebenshürde)
wimmert sie: "Das wollt' ich nicht ..."

Ach, die breite Ego-Masse.
Kauft und kauft und lebt fürs Geld.
Denkt nicht an die dritte Klasse
und ans Elend dieser Welt.

Und der Müllberg wird gefüttert.
Jeden Tag! Mit Hab und Gut.
Doch ihr Ego wird erschüttert,
wenn der Tod das Seine tut.

Und der Mensch inmitten vieler,
sieht auf dieses Trauerspiel,
sieht auch auf die Trauerspieler,
die wie er dasselbe Ziel ...

Ach, er ist so froh gewesen
mit dem Glück der Einsamkeit.
Sich von alledem zu lösen -
hat er nie und nie bereut ...




(c) Bettina Lichtner
Halleluja