Samstag, 25. Oktober 2014

Zwei Welten

Von unten schallt 's nach oben hin:
"Ach, hätten Sie vielleicht für mich
ein Lächeln und Minuten?"
Darauf von oben: "Sicherlich,
jedoch, ich muss mich sputen ..."

Die Armut, die am Boden hockt
und rauf zum Reichtum bittet,
erwidert: "Selber eingebrockt!"
Worauf der Reichtum gleich geschockt,
ihn schimpft als "ungesittet".

Die Armut ordnet Ruhe an.
Dem Reichtum platzt der Kragen:
"Wenn einer sich nichts leisten kann,
dann ist er selber Schuld daran,
und braucht hier nicht zu klagen."

Die Armut übt Gelassenheit:
"Was wissen Sie vom Armen?
Sie schwelgen in Glückseligkeit,
ein guter Job, doch wenig Zeit,
zudem ein Bett im Warmen.

Sie essen, wenn sie hungrig sind,
und trinken, was sie möchten.
Sie wissen, wie man Ruhm gewinnt,
doch wenn Ihr Herz sich recht besinnt,
dann ist 's wohl mehr ein knechten.

Ach, wenn ich 's mir genau beseh',
dann hab ich lieber wenig.
Die Luft ist schmutzig in der Höh'.
Ich brauch' kein volles Portemonnaie,
bin lieber armer König.

Ich klage nicht, ich nehme hin.
Und Gott lenkt meine Wege.
Wie reich ich doch gesegnet bin!"
Dem Reichtum fiel darauf das Kinn,
als ob es jemand zöge ...

"Und wenn", so fuhr die Armut fort,
"Sie ehrlich sind, dann wären
Sie gerne auch an meinem Ort,
und würden lieber hier statt dort
zur Welt dazugehören ..."



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Aufs falsche Pferd

Weil der Mensch sich gerne brüstet
mit dem allerbesten Kleid,
weil 's ihn so nach Blicken lüstet,
(da das Eitle in ihm nistet)
geht der Stolz an seiner Seit'.

Er stolziert in teuren Seiden
gerne durch die volle Stadt.
Will ihm wer den Fummel neiden,
kann er sich am Neide weiden,
und er trinkt sich daran satt.

Wenn die andren Menschen starren,
ob bewundernd oder nicht,
könnt' er stundenlang verharren
in dem Käfig voller Narren,
wie im hellen Sonnenlicht.

Jedes Fenster taugt zum spiegeln.
Hin und her dreht sich der Leib.
Eigenlob ist schwer zu zügeln.
Welch ein inneres Beflügeln ...
 Egomaner Zeitvertreib.

"Seht nur her. ICH kann 's mir leisten.
Trag' das Gold auf meiner Haut."
Schon will sich der Neid erdreisten,
ihn zu schlagen mit den Fäusten,
weil ihn 's Protzen nicht erbaut.

"Na, man muss auch gönnen können!",
ruft der Stolz dem Neide zu,
um dann rasch nach Haus zu rennen.
Es ist besser sich zu trennen
bei bedrohter Seelenruh'.

Doch zuhause angekommen,
ist das ganze Gold nichts wert.
Niemand hat es wahrgenommen.
Und er fragte sich beklommen:
Ist der Protz das falsche Pferd???



(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Ruhe im Saal

Eine große Tafelrunde, güldne Teller, roter Wein.
"Esst und trinkt", so spricht der Hausherr, "morgen kann 's zu Ende sein."
Und der Tisch biegt sich vom Fleische. "Koch, du hast es gut getan!!"
Doch dann meldet sich ein Fräulein: "Gäb 's das ganze auch vegan??"

Oh, da fällt dem Hausherrn alles aus dem roten Angesicht.
Und wenn Blicke töten könnten, wär' das Fräulein jetzt Geschicht'.
Donnernd hallt das Wort des Mannes querfeld durch den prunken Saal:
"STELLEN SIE DIE FRAGE, FRÄULEIN, NOCH UND NOCH UND NOCH EINMAL !!"

Und des Fräuleins süße Stimme tat wie ihr geheißen ward.
"Ob 's das Ganze auch vegan gibt?" Jetzt gewann das Spiel an Fahrt.
Denn das Fräulein hat bewiesen, dass sie Mut und Willen hat:
"Tut mir leid, doch tote Tiere machen mich partout nicht satt."

Eiseskälte lag im Raume, selbst der Wein gefror im Krug.
Und der Hausherr schrie von Sinnen: "RUHE JETZT. ES IST GENUG!!!
Hier hat 's immer Fleisch gegeben, immer Käse, Milch und Ei!"
Drauf das Fräulein, das vegane: "Tierprodukt hat Leid dabei!"

Jedes Wort aus ihrem Munde war dem Hausherrn eins zuviel.
Doch das Fräulein bohrte weiter, pochte gar aufs Mitgefühl.
Sprach davon, dass jedes Wesen Gottes Allerliebstes war.
Dass das Tier sein Leben liebt und dass der Mensch ihm zur Gefahr ...

Und sie redete und malte düstre Bilder an die Wand.
Keiner von den andren Gästen nahm die Gabel in die Hand.
Schlachthofszenen, Todesängste, Schreie und der letzte Blick ....
Gar nichts ließ das Fräulein aus beim Vortrag übers Bratenstück.

Sah sie gar Gewissensbisse bei der einen oder dem?
"Ja, ich weiß. Dem Fleischliebhaber ist das Thema nicht genehm.
Leichter ist es zu verdrängen, was doch gang und gäbe ist.
Doch ein jeder sollte wissen, wessen Leben er da isst."

Und dann nahm die junge Dame ihre Tasche und ging fort.
Ließ im angespannten Saale ihre Bilder und ihr Wort,
wünschte allen, die noch blieben, einen guten Appetit:
"Esst nur weiter all die Tiere bis das blaue Wunder blüht ..."



(c) Bettina Lichtner
Halleluja



Dienstag, 21. Oktober 2014

Als der Riese kam

Liebe alte Tante Emma!

Ja, es ist schon ein Dilemma,
dass man dir die Türen schloss,
seit da dieser Kaufhaus-Boss
- dem ich von Beginn misstraute -
sich den goldnen Käfig baute.

Du, geliebter Krämerladen ....
Die Bonbons und Schokoladen,
die ich einst bei dir erstand
mit der jungen Kinderhand,
werden unvergessen bleiben -
auch die frischen Stullenscheiben.

Schon das Klingeln an der Pforte
(gibt heut keins von gleicher Sorte)
grub sich ewig ins Gehör.
Wenn 's doch so wie gestern wär' ...
Diese ganzen Kaufhausriesen
drücken auf die Tränendrüsen.

Ja, du kanntest alle Namen
von den Kunden, die da kamen.
Und ein Lächeln war gewiss!
Wie ich diese Zeit vermiss ...
Wie 's mir doch das Herz beglückte,
wenn ich nur den Türgriff drückte.

Viele Male blieb ich stehen,
um durchs Schaufenster zu sehen,
das so liebevoll und bunt
meinen kleinen Kindermund
vollends zum Erstaunen brachte,
und mich gar begierig machte.

Ach, und heut' gibt 's Kaufhausketten.
Und du warst nicht mehr zu retten.
Die Erinnerung an dich
ist gleich Honig und gleich Stich.
Liebe Tante Emma, Gute,
mir ist weinerlich zumute ...


(c) Bettina Lichtner
Halleluja

Montag, 20. Oktober 2014

Er an Sie

"Meine Liebste", schreibt die Feder,
die der Jüngling zitternd führt,
"ach, es gibt kein Noch und Weder:
Ja, mein Herz ist irritiert ...

Irritiert nur wegen Ihnen!
Das Gehirn ist gar verdreht.
Eine Liebelei im Grünen -
glauben Sie, das da was geht?

Nun, ich will nicht drängend scheinen,
doch ein Kuss von Ihrem Mund,
wärmend, zärtlich auf dem meinen,
ist ein Wunsch in dieser Stund'.

Die Gedanken sind wie Pferde,
springen wild im Kopf umher,
dass ich selbst ein Wilder werde,
denn ich wünsch' mir noch viel mehr ...

Mag 's fast gar nicht hier notieren,
doch es ringt in mir nach Luft.
Mich an Ihrer Brust verlieren,
Gnädigste, ... im Rosenduft,

ist es nicht auch Ihr Verlangen?
Sagen Sie 's! Wer hört es schon ...
Hat mein Wort Sie nun gefangen?
Werten Sie 's als blanken Hohn?

Tun Sie 's nicht, denn die Gefühle
spielen keinen Streich mit mir.
Wenn doch nur Ihr Schweigen fiele ...
So wie meins auf dem Papier.

Meine Liebste, ich bin wahrlich -
liebend Ihnen zugewandt.
Brief um Brief schreib' ich beharrlich,
auch noch mit der greisen Hand ..."


(c) Bettina Lichtner
Halleluja