Mittwoch, 6. September 2017

Was wird es sein?



Auf einmal will das Herz mir beben.
Ich weiß ja nicht, liegt es an dir??
Ich sah dich an und spürte Leben
in toter Brust, ein süßes Schweben,
als klebten Flügelein an mir.

Mein Puls! Mein Puls schlägt Kapriolen.
Der Kopf errötet. Mir wird heiß.
Mir wird ein Gläschen Sekt empfohlen,
um mich vom Höhenflug zu holen.
Nach jedem Schluck rinnt mir der Schweiß.

Was ist denn das? Ich muss mich üben
in seliger Gelassenheit.
Es drängt mein Herz, sich zu verlieben!
Da sitze ich auf Wolke sieben
und trage noch das Unschuldskleid.

Ich weiß nicht wie. Wie mag es gehen
mit diesem Liebes-Drumherum?
Darf man sich in die Augen sehen,
lernt man den anderen verstehen
wenn er sich blind gibt oder stumm?

Wie wird der erste Kuss sich fühlen
auf unsrem Mund? Was wird es sein?
Ein wilder Tanz? Ein scheues Spielen?
Ein Tasten mehr oder ein Wühlen?
Bewahre mich vor falschem Schein ...

Dass ja nicht die Gefühle trügen,
die jetzt so wohlig sind in mir.
Vermeide ja, mich anzulügen!
Ich möchte mich in Wahrheit wiegen,
bevor es mich verlangt nach dir.

Die Zweifel .... ach. Welch wirres Denken!
Ich möchte doch mein einzig' Herz
nicht an den Übermut verschenken.
Nicht auszudenken, es zu kränken ...
Gar unerträglich wär' der Schmerz.

Noch schmeichelt deine Honigsüße.
Noch lullt dein liebes Wort mich ein.
Dass der Moment mich nie verließe,
mich nie das Glück vom Rosse stieße.
Ach, könnt' es stets wie gerade sein ....


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 19. Juli 2017

fortissimo


In der Früh' kriecht stimmungsschwankend
zwischen Schlaf und Wachheit wankend
irgendwo ein irgendwer
aus dem Bett, die Lider schwer.

"Hat die Uhr schon sechs geschlagen?",
hört man jenen mürrisch fragen.
Taumelnd geht der erste Schritt,
und die Müdigkeit geht mit.

Leises Fluchen. Lautes Gähnen.
Sich ans helle Licht gewöhnen.
Kaffee, Zeitung, Käsebrot.
Halbwegs scheint die Welt im Lot.

Langsam kehrt das Leben wieder
in die trägen Körperglieder.
Draußen sucht der Sonnenschein
irgendwen zum Stelldichein.

Circa eine Stunde später
lächelt unser Miesepeter.
Keine Spur von Gries und Gram.
Er ist umgänglich und zahm.

Und den eben ach so Müden
sieht man plötzlich Pläne schmieden
für den lieben langen Tag,
der ihm nun zu Füßen lag.

Wie nur all die Zeit vertreiben?
In die Ferne? Oder bleiben?
Fahrt ins Blaue? Stadt? Land? Fluss?
Auto? Flugzeug? Zugfahrt? Bus?

Ach, die vielen Möglichkeiten
wollen Kopfschmerzen bereiten.
Und er sehnt fortissimo
sich zurück in sein Büro.

Wie geregelt war sein Leben!
Jeder Schritt war vorgegeben.
Auf die Uhrzeit war Verlass.
Alles super und jetzt das ...

Plötzlich muss er Tage, Jahre
füllen, planen bis zur Bahre.
Denn er ist jetzt Pensionär,
unser müder Irgendwer ...


(c) Bettina Lichtner

Samstag, 15. Juli 2017

Hautunverträglichkeit


Mein schwarzer Teint ist dir ein Dorn.
Du sprichst zu mir in wildem Zorn
und gibst dich überlegen.
Dein Wort prescht aggressiv nach vorn.
Und mächtig bläst die Wut das Horn,
mich aus der Welt zu fegen ...

Du fühlst dich stark, denn du bist weiß.
Das Gestrige dreht sich im Kreis
mit schändlichen Parolen.
Du drängst mich auf das Abstellgleis.
Ich zahle einen hohen Preis:
mir wird das Herz gestohlen.

Was ist in dieser Welt passiert?
Das Fremde wird diskriminiert
und nirgendwo geduldet.
Das Feuer wird mit Hass geschürt,
bis es zu Flächenbränden führt,
und sich haushoch verschuldet.

Die Freiheit, die mir so vertraut,
hat mich misstrauisch angeschaut
und treibt mich in die Enge.
Allein die Farbe meiner Haut
hat mir den Weg zu ihr verbaut,
in Breite wie in Länge.

Verstehe dieses, wer da kann ....
Ich kam auf dieser Erde an
als mündig freies Wesen.
Doch ewig zieht den weißen Mann
das Fremdartige in den Bann -
zuallermeist im Bösen.

Ich tauschte gerne meine Schuh'
mit dir und wäre frei wie du.
Und du? Im Schwarz gefangen!
Dann sähe ich dir gerne zu,
wenn Tag und Nacht und ohne Ruh'
die Feinde nach dir langen.

Vor kurzem sah ich ein Klavier.
Da reihten sich in stiller Zier
die schwarz- und weißen Tasten,
und spielten schönste Weisen mir
mit dem harmonischem Gespür,
die Seele zu entlasten.

Auf dem Piano - kein Problem.
Schwarz-Weiß sind sich nicht unbequem!
Das Lied schweißt sie zusammen.
Dir ist mein Hautbild nicht genehm,
drum wirfst du heut' wie ehedem
auch weiterhin mit Flammen.

"Man sieht nur mit dem Herzen gut!"
Ach, weißer Mann, hab' doch den Mut,
mir deine Hand zu geben!
Es eint uns doch das rote Blut.
Ist es denn nicht das höchste Gut,
friedlich vereint zu leben?


(c) Bettina Lichtner


Freitag, 14. Juli 2017

Jede Stimme zählt



Mein erster Schrei. Die Welt in Trümmern.
Doch davon ahne ich noch nichts.
Ich blühe in zerbombten Zimmer,
wo sie mich hüten und sich kümmern,
und freue mich des Sonnenlichts.

Die düstren Wolken, die sich schieben
vor dieses warme Element,
bemerk' ich nicht. Ich möchte lieben!
Nichts kann mein Kinderglück betrüben,
das Träume nur und Freude kennt.

Kanonen schießen gegen Wände
und reißen Löcher, fenstergroß.
Und mich umschließen Mutterhände.
Und meine Kindheit geht zu Ende
mit Flammen, Angst und Donnerstoß.

Das Herz wird schwer. Wir müssen fliehen.
's gibt keine Antwort aufs Warum.
Wir müssen in die Fremde ziehen.
Es folgen ungeahnte Mühen,
und meine Stimme gibt sich stumm.

Bei Nacht und Nebel und mit Eile
bricht meine kleine Welt entzwei.
Nach einer ellenlangen Weile,
nach Meile, Meile, Meile, Meile,
bin ich gerettet, doch nicht frei.

In meiner Seele spür' ich Ketten,
die schnüren mir das kleine Herz.
Ach, wenn wir doch nur Frieden hätten ...
Nun soll ich meinen Körper betten
im fremden Land. Ich fühle Schmerz.

Mit knapper Not dem Feind entronnen,
doch fern der Heimat ungewollt.
So hat die neue Zeit begonnen.
Von denen, die sich glücklich sonnen,
hat keiner uns Respekt gezollt.

Ich träumte nachts von einer Bühne,
auf der ich stand, im Rampenlicht,
wo ich mit ernster Kindermiene
von Hoffnung sprach und auch von Sühne,
und dass kein Krieg mich je zerbricht.

Die Stimme hat Gehör gefunden.
Man jubelte. Es gab Applaus.
Der salbte meine Seelenwunden.
Nun war ich freudig eingebunden
ins fremde neue Gästehaus.

Doch nach der Nacht? Geplatzte Träume.
Die Stimme tastet heimatlos
durch fremde neue Gästeräume
der kargen, kalten Flüchtlingsheime,
und kämpft mit einem Tränenkloß.

Wie reich, wie reich kann der sich schätzen,
des Stimme eine Heimat hat,
die weit entfernt von Kriegsschauplätzen
erblühen darf mit freien Sätzen!
Ich lebte nie in solcher Stadt ...


(c) Bettina Lichtner


Mittwoch, 12. Juli 2017

Ein kleines Wunder



Drüben an der Haltestelle
sitzt ein Mann mit sich allein.
Da kommt eine Mademoiselle,
lullt ihn mit 'nem Lächeln ein,
dass sein Herz ihm wilde pocht,
und das Blut ihm brodelnd kocht.

Und sie schaut mit süßen Blicken;
schlägt gekonnt ihr Augenlid.
"Warum woll'n se mir entzücken?",
fragt er rasch. Und was geschieht?
Unversehens dreht der Wind,
und sie wird ein Teufelskind.

"Haste wat? Ick und entzücken?
Bild' dir bloß nix ein, mein Freund!"
Und sie buckelt ihren Rücken
wie die Hexe, und es scheint,
dass sie Böses bei sich denkt,
denn der Mann hat sie gekränkt.

Ihre Augen, schmal wie Schlitze,
deuten einen Angriff an.
Wie ein Speer die Zungenspitze ...
Nun verflüchtigt sich der Mann.
Und sie folgt ihm wie im Wahn.
Da verpassen sie die Bahn ...

Und der Mann rennt schnelle Schritte.
Und die Hexe hintendrein.
Und der Mann ruft eine Bitte:
"Lassen Sie das Folgen sein!"
Doch sie denkt ja nicht daran.
Und da fürchtet sich der Mann.

"Hilfe!", ruft er. Immer wieder.
Und die Schaulust gafft und gafft.
Und die Frau wird rüd- und rüder,
bis sie seinen Kniefall schafft.
Und er kniet wie zum Gebet,
während sie daneben steht.

Da passiert ein kleines Wunder,
denn die Hexe kniet wie er.
Amor gibt den Pfeilen Zunder
und verschafft sich rasch Gehör.
"Ick? Entzücken? Janz jenau ...",
haucht die kniebeugende Frau.

Und der Mann drückt auf die Schnelle
einen Kuss auf ihren Mund.
Wieder an der Haltestelle,
fragt er um den Ehebund.
Und noch eh er sich versah,
sprach sie ein entzücktes JA ....



(c) Bettina Lichtner