Mittwoch, 31. Oktober 2012

Mutterherz

Da saß sie, die Greise, im Raum dieses Heims.
Vergessen. Vereinsamt. Alleine.
Und sprach: "Ja, ich weiß, dass sie kommen. Ich träum 's!"
(Ich drücke sie fest und ich weine ...)

Sie senkt ihre Stimme zum flüsternden Ton:
"Mir ist vor der Wahrheit so bange!
Fünf Kinder erzogen, doch was ist der Lohn?
Ich warte auf sie schon so lange.

Das Altersheim scheint wohl mein sicheres Ziel.
Hier wird sich mein Leben vollenden.
Ach, ahntest du nur, was ich innerlich fühl' ...."
(Da nahm ich die Frau bei den Händen ...).

"Die Kinder in Eile, im Leben verstrickt.
Einst füllt' ich die hungernden Mägen.
Ich habe sie liebend ins Leben geschickt.
Mir scheint, dass sie meiner nicht mögen.

Ich lehrte sie laufen, ich war für sie da,
wann immer der Hilferuf schallte.
Und bin bis zur jetzigen Stund' ihnen nah,
auch wenn dieser Schmerz in mir wallte.

Nun bin ich zu alt und gebrechlich dazu,
und nichts ist an Dank mir geblieben.
Bald legt mich der Herrgott zur ewigen Ruh',
denn ich bin dem Tode verschrieben.

Ich bin eine Last, nur das Erbe hat Wert.
Mein Körper ist nicht mehr vonnöten ...."
(Sie schloss ihre Augen und starb ganz verstört,
und mir bleibt nur, leise zu beten:

'Sie war eine Mutter, die aufopfernd gab,
die großzog, versorgte und liebte.
Nun geht sie vereinsamt ins finstere Grab;
kein Kind da, das dieses betrübte.
Ich bitte Euch, Engel, so bringt sie nach Haus',
und gebt ihr zurück, was sie misste.'

Sodann schlich ich still aus dem Zimmer hinaus
und sah, wie ein Engel sie küsste ...)

(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 30. Oktober 2012

Unter Haut & Knochen

Den Leib da im Spiegel, ich will ihn entblättern
bis hin auf das Knochengerüst!
Vielleicht will ich nagende Zweifel zerschmettern.
Vielleicht will ich dringen zu schlummernden Lettern.
Vielleicht will ich seh'n, wer da ist.

Ich möchte sie finden, die niemals gesagten,
verschluckten Gefühle in mir.
Wo sind sie nur hin, diese ewig vertagten,
verschwiegnen, erdrückten und niemals erfragten
Empfindungen hinter der Tür?

Wo sind all die Worte in schweigender Masse,
die ich nie zu sagen getraut?
Was, wenn ich nun Hülle und Seele verlasse?
Sag, schreit 's dann heraus, dass ich sprachlos erblasse?
Was hat sich nur um mich gebaut?

Wo wohnt sie, die Wut, und wo nächtigt die Trauer?
Wo hält sich die Freude versteckt?
Ein Kran soll mir kommen, zu reißen die Mauer!
Seh' in mich hinein und ich kauer' und kauer'
und sehe ein Kind, das mich neckt!

Es ist dieses Kind, das ich einstmals gewesen.
Da hockt es und lächelt mich an.
Ich kann in den wärmenden Augen ihm lesen,
wie all meine schweigenden Fragen sich lösen,
und fühl', wie mein Fragen begann.

Ich blätter' und blätter' in meiner Geschichte
bis hin auf das Knochengerüst.
Das Kind holt die Antworten rauf mir ins Lichte.
Und ich weiß nun endlich ums wahre Gesichte.
Du bist, der du bist, der du bist ...

(c) Bettina Lichtner

Montag, 29. Oktober 2012

Preisträgerin (Danke, Oda ...)

Mit großer Freude und ebensolchem Stolz darf ich hiermit verlautbaren lassen, dass ich soeben auf der Seite literatwo.wordpress.com als Gewinnerin des Poesie-Projekts für die großartige Lyrikerin Oda Schaefer bekanntgegeben wurde. Ich bin zutiefst ergriffen und möchte der Jury von ganzem Herzen danken sowie mit den nachfolgenden Zeilen die Leser dieses Blogs an meinem Glück teilhaben lassen:


Ach, liebe Oda, ich bin so gerührt,
bin so ergriffen tief drinnen.
Du hast die lyrische Feder geführt,
hast meines Blattes Gewande berührt,
ließest mich Wörter verspinnen.

Du warst ein Teil meiner denkenden Welt.
Ging neben dir eine Weile.
Hast mir von deinen Gedichten erzählt,
mich in getragene Schuhe gestellt,
dass ich dich fühl' .... jede Zeile.

War deinen Stunden, dem Atem dein nah,
auch über himmlische Grenzen.
Als ich dein Leben im Filme besah
war ich betroffen, ob dem was geschah.
Fand mich in trauernden Tänzen.

Was ich auch immer wohl über dich las,
ließ mich zur Freundin dir werden.
Dass ich die lyrischen Kräfte besaß
deiner zu ehren, war lohnender Spaß.
Neige mich dankbar zur Erden.

Oda, du liebste, mein Herz schlägt wie keins!
Denk nur, die Widmung im Reime,
die ich dir schenkte, bescherte Platz eins!
Konnte es wahr sein? Mein Werk ist es? Meins?
Manchmal erfüllen sich Träume ....


(c) Bettina Lichtner

Geliebtes Fleckchen

Es legt sich der Frost auf die bräunlichen Äcker
und malt einen silbernen Glanz.
Und Frühling und Sommer, sie spielen Verstecker,
denn bald lockt der Winter zum Tanz.

Die Hände sind frierend im Mantel verkrochen.
Ihr Rot gleicht dem Rot in der Früh.
Nun hausen sie dort wohl die kommenden Wochen,
und ich hab' die wärmende Müh'.

Die Gänse schau'n lachend den menschlichen Wichten,
sie fliegen der Kälte davon.
Ach, hätte ich Federn .... doch hab' sie mitnichten.
Im Herbststurm fährt auch kein Ballon.

So wink' ich vom Boden den reisenden Tieren
und wünsch' einen glücklichen Flug.
Und als mich die Füße durchs Fröstelnde führen,
da zeigt sich der quillende Krug.

Da zeigt sich der Schatz dieser kalten Oase
und wärmt mir sogleich das Gemüt.
Und bläst mir der Wind auch so rau um die Nase:
mein Herz hängt am Heimatgebiet ...

(c) Bettina Lichtner

Netzhaut

Könnte ich ein Netz dir spinnen,
das dich fängt, wenn du zerbrichst,
wenn du flehend, hoffend sprichst,
ach, sofort würd' ich beginnen ...

Feste Maschen würd' ich weben
für den sichren Seelenfall.
Und dem wilden Wörterschwall
würd' ich meine Ohren geben.

Die gestrickten Seilschaften
hielten deine Tränen fest,
wenn du sie denn fließen lässt,
um das Herz dir zu entsaften.

Könntest dich geborgen fühlen,
denn den Kummer frisst die Zeit.
Und die Flut der Traurigkeit
würd' nicht mehr die Augen spülen.

Sieh doch nur, was plötzlich möglich:
Sieh, das Netz, von dem ich schreib,
schlingt sich längst um deinen Leib,
und es hält dich gar tagtäglich!

Konnt 's mir selbst auch nicht gelingen,
hat dafür die Himmelskraft
dieses Wunderwerk geschafft,
und ich will vor Glück zerspringen.

Frei' dich aus der Seelenfalle,
denn sie landet butterweich.
Irgendwer im Himmelreich
spinnt ein Netzwerk für uns alle ...

(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 28. Oktober 2012

Der Kuss

Ein Kuss, der von der Hand gehaucht
durch Wind und Wetter trieb,
ist endlich in ein Herz getaucht
und sprach: "Ich hab' dich lieb!

Du bist der langen Reise Lohn.
Ich war ja so allein ...
Dass ich nun länger bei dir wohn,
soll dir zur Freude sein.

Ich küss' nicht nur den Munde dir,
ich küsse dich auch wach.
Ich öffne küssend eine Tür
fernab vom Lebenskrach.

Dort zeig' ich dir ein Rosenbeet,
und bette wärmend dich.
Ich decke Haut und Haar und wär'
dir gerne ewiglich.

Ich bin es, der die Stund' entführt,
und will dich glücklich seh'n.
Wohl dem, der küssend meiner spürt,
den lass ich taumelnd dreh'n.

Ich möcht' ja nie 'was andres sein
als stets ein Kuss, ein Kuss.
Lieg' ich erst auf den Lippen dein,
schmeck' ich wie Zuckerguss.

Die ganze Welt ist mir bekannt.
Ich hab' mich durchgeküsst
im nahen und im fernen Land.
...
Die Liebe? ...... Oft vermisst!"

(c) Bettina Lichtner

Samstag, 27. Oktober 2012

Fantastisch phantastisch

Oh, einfallslose Stunde, du
sollst dich im Geist nicht breiten!
Ich stehe träg' im müden Schuh',
und schau mir selbst befremdlich zu
beim Spiel der Faulheiten.

Du wagst es, meiner Herr zu sein?
Hinfort, Ideenfresser!
Du liegst im Hirn mir wie ein Stein.
Es könnte kreativer sein,
denn ohne dich ging 's besser!

Was fällt dir ein, mich zu blockier'n?
Gedanke um Gedanke ...
Gehst mit dem Schweinehund spazier'n,
als würde er die Leine führ'n,
derweil ich zögernd schwanke,

ob ich die Zellen im Gehirn
noch arbeitswütig treibe.
Es liegt ein reißfest dicker Zwirn
um Wort und Taten und ich zürn',
weil ich so zögernd bleibe!

Und weil du nicht willkommen bist,
du einfallsloser Flegel,
verscheuch' ich dich mit einer List
und ruf zum Schein den Polizist' -
da streichst du deine Segel.

Schon kommt die Phantasie hervor,
die lange sich nicht traute.
Und flüstert Wort um Wort ins Ohr,
und schon steigt die Idee empor
und singt vergess'ne Laute.

Nie wieder sollst du wiederkehr'n!
Die Phantasie - sie lebe!
Auf sie allein nur will ich hör'n,
sie darf mich tags und nächtens stör'n.
Und du jedoch: entschwebe ...

(c) Bettina Lichtner

Atmendes Herz

Die zärtlichen Hände von Mutter Natur
verhüllen dem herbstlichen Kind
mit goldenen Lagen die junge Figur,
weil bald schon der Frost es umspinnt.

Sie breitet die Decke der laubvollen Pracht
auf Wege, einst strahlend und schön.
Auf Schritte, die schwer an erinnernder Fracht
nun still durch die Herzgassen geh'n.

Ein Teppich zu Füßen der irdischen Haut,
aus Blättern so lieblich gewebt,
der mir so vergänglich und hoffnungsvoll schaut,
und der mir bewahrt, was gelebt.

Ich schreite bedächtig auf dem, was vorbei,
und fühl' in dem knisternden Klang,
dass niemals mir floh, was im Sommer noch frei
und lebensbereichernd mir sang.

Denn unter der herbstlich gekleideten Welt
schlägt ewig dein atmendes Herz,
weil Mutter Natur es so liebevoll hält,
zu lindern den trennenden Schmerz.

Die Erde wahrt alles, wahrt jegliches Ding.
Wir ändern ja nur das Gesicht.
Und während ich froh auf dem Herbstboden spring,
da spür ich: "Du starbest ja nicht ..."

(c) Bettina Lichtner

Freitag, 26. Oktober 2012

Ein Bild

Das Blaue breitet mir sein Tuch
und lädt mich zum Bestaunen.
Ein Bild, das ich zu fangen such',
ein Bild aus weißen Daunen.

Ein Bild, das nicht von Dauer ist.
Ein Bild, das bleibt und schwindet.
Ein Bild, das flüstert: "Mensch, dich frisst
das Leid, das sich da windet."

Ein Bild, das meine Tränen raubt.
Ein Bild, das sich verwandelt.
Ein Bild, das an der Seele schraubt.
Ein Bild, das friedvoll handelt.

Ein Bild, das mich entführen will.
Ein Bild, um zu vergessen.
Ein Bild, so unwahrscheinlich still.
Ein Bild, den Wert zu messen.

Ein Bild, von Gottes Hand gemalt.
Ein Bild von Engelsgüte.
Ein Bild, das mich mit Glück bezahlt.
Ein Bild, das ich behüte!

(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 25. Oktober 2012

Spät gibt 's nicht

Nehmen Sie doch Platz, Verehrte!
Freudig ist mir Ihr Besuch!
Alles, was Ihr Wort mich lehrte,
was ich über Sie einst hörte,
schrieb ich mir ins Seelenbuch.

Sehnlichst wünscht' ich mir seit dessen,
dass Sie meiner fündig sei'n.
Lange stand Ihr Stuhl vergessen.
Und der Staub hat ihn gefressen,
doch nun putzen Sie ihn rein,

diesen leeren Platz tief drinnen
in des Herzens fromme Stub',
eh die Spinnen ihn umspinnen.
Endlich kann nun neu beginnen,
was sich jahrelang vergrub.

Ach, Frau Liebe, als Sie kamen,
als Sie an mein Herz geklopft,
als Sie Platz und Zeit sich nahmen
(nach den ungezählten Dramen),
sind die Tränen mir getropft.

Dass Sie meiner noch gedachten,
hätt' ich nie im Traum geseh'n.
Oh, wie glücklich Sie mich machten.
Dankbar will ich Sie betrachten.
Dank der Wunder, die gescheh'n.

Nimmer soll Ihr Stuhl verwaisen.
Bleiben Sie! Solang' es geht!
Liebgefüllt durchs Sein zu reisen,
Sie mit Worten zu lobpreisen -
dafür ist es nie zu spät ...

(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Trübes Nebelgrau

Will mir das Nebelgrau die Stimmung schmälern,
entzünd' ich wärmend mir ein Kerzenlicht,
und schau der Vielfalt in den bunten Tälern,
die herbstlich leuchtend mir ins Auge sticht.

Es mag die Sonne sich partout nicht zeigen.
Ein trübes Wolkenheer zieht an die Front.
Die Blätter tanzen einen wilden Reigen,
wie es das Sommerlaub ja nie gekonnt.

Es wäscht der Regen die getanen Schritte
hinfort und bringt sie niemals mehr zurück.
Und in der Stube der vertrauten Hütte
fängt die Erinnerung den Augenblick.

Ein Sturm zerrt wütend mir an Dach und Sparren.
Er will die Tür mir aus den Ankern stehl'n.
Und wenn die Knochen im Gerüste knarren,
es wird der Sturm sein Ziel gewiss verfehl'n.

Oh Flamme, brenn auf deinem kurzen Dochte,
und lass den nebelgrauen Tag vergeh'n.
Ach, Sonnenstund', die deiner ich so mochte,
wann werden wir uns endlich wiederseh'n?

(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 23. Oktober 2012

Nah bei euch

Mit voller Wucht geriet das kleine Schiff ins Wanken,
das g'rad noch sicher auf den seichten Wellen trieb.
Und alle Träume, alle Pläne, sie versanken,
noch eh die neue Nacht ihr zartes Grußwort schrieb.

Ein kurzer Sturm - schon war das Segeltuch zerrissen,
das doch vor kurzem erst so frisch und jung gespannt.
Und Engel kamen, um den Kapitän zu küssen,
und brachten ihn auf Flügeln hin zum Uferrand.

Er sah sein Schiff ertrinken in den hohen Fluten,
und blickte auf das Meer, das ihm die Heimat war.
Am andren Ufer sah er traute Herzen bluten.
Und leise weht der Wind ihm durch das Engelshaar.

Ein starker Sog hat 's Schiff samt Ladung ihm verschlungen,
und hätten ihn die Engel nicht so schnell befreit,
dann wäre ihm ja nimmermehr die Flucht gelungen
auf diese andre, nie gekannte Uferseit'.

So aber konnt' er winken all den Seelen drüben,
und konnte in den Wind die frohe Botschaft schrei'n:
"Mir geht es gut! Ich sehe Euch, Ihr meine Lieben!
Seid nicht betrübt, ich bin bei Gott und nicht allein!

Es trennt ja nur der Fluss des Lebens unsre Wesen.
So schaut zu mir, macht Eure Augen auf und seht!
Seht her, dann könnt Ihr ja in Wind und Wellen lesen,
dass zwischen Euch und mir ein Wimpernschlag nur steht ..."

(c) Bettina Lichtner

Gemeinsam stark

Nein, nein, du Schmerz, so lass mich los!
Du sollst mich ja nicht drücken
in deinen kummervollen Schoß
und mich darin ersticken!

Ich möchte nicht gefangen sein
in meterhohen Wänden.
Es werden Freunde mich befrei'n
und meine Haft beenden:

Die Hoffnung bringt die Freude mit,
der Mut die neuen Wege.
Und Gottes Licht lenkt meinen Schritt
raus aus dem Leid-Gehege.

Ein Lächeln nimmt die Tränen mir.
Die Liebe gibt mir Flügel.
Ich hebe ab und ich verlier'
des Schmerzes harte Zügel.

Die Trauer fällt auf weichen Flaum,
und fühlt sich lieb gehalten.
Nun endlich hat sie einen Raum,
sich schmerzfrei zu entfalten.

Hab Dank, du innrer Freundeskreis
aus Hoffnung, Mut und Freude.
Ein Liebe-Lächeln-Lichterkreis,
der nimmer von mir scheide ...

(c) Bettina Lichtner

Mein einziger Tag

Die Sonne sinkt,
und nimmt den Tag ins Schlafgemach,
wo er mir winkt.
Zum letzten Mal schau ich ihm nach ...

Bald liegt er müd',
und lässt mich still erinnernd sein.
Dass er mir schied,
dringt schmerzlich in die Seele ein ...

Sein helles Kleid
vermischt sich mit dem dunklen Feld
der Abendzeit,
die machtergreifend Einzug hält ...

Ein kurzer Gang
durch meine sandgebaute Zeit,
schon floh, entsprang
er fort in alle Ewigkeit.

Welch schneller Gast,
der rastlos mir die Stunden zeigt,
mich rüttelnd fasst,
damit mein Herz den Schatz beäugt,

der mich umgibt
inmitten tiefster Dunkelheit.
Ach, wie geliebt
bleibt doch des Tages Kostbarkeit ...

(c) Bettina Lichtner

Montag, 22. Oktober 2012

Das letzte Geleit

Lieber Mathis! Ciao zu sagen,
heute, zu der Andacht dein,
eingehüllt in lauter Fragen ...
gar nichts konnte schwerer sein!

Viele Freunde, viele Tränen.
Alle waren sie heut' da.
Und ich muss es nicht erwähnen:
alle waren dir so nah!

Jeder dachte weinend leise
an die Zeit, die er mit dir
zugebracht auf seine Weise.
So, als wärst du doch noch hier ...

Trost durch Gott und Trost im Worte,
das der Pastor wärmend sprach.
Jeder hing an diesem Orte
jedweden Gedanken nach.

Als dein Sarg mit Sonnenblumen
aus dem Kirchenraume zog,
war 's, als ob ein Hoffnungskrumen
durch die ganzen Herzen flog.

Dass wir dich ja nicht verlieren!
Du bleibst uns ...... auf andre Art.
Ja! Ich wollte es so spüren,
dieses Licht, so zaghaft zart ...

Mutter, Vater, Bruder ..... ihnen
wünsche ich von Herzen Kraft!
Mögen sie sich reich bedienen
an dem göttlich starken Saft.

Dass er hilft, den Schmerz zu lindern,
der das Herz so fest verschnürt.
Dass er hilft, das Leid zu mindern,
und zurück zur Sonne führt ...

(c) Bettina Lichtner

Die weibliche Seite

Das Männlein aus dem Kinderlied
steht immer noch im Wald.
Ich hab' mich um ein Wort bemüht,
doch 's Männlein gab sich kalt.

Ganz still und stumm hat es geschaut
im purpurroten Kleid.
Hat ihn das Rote gar gegraut?
"ROT IST FÜR WEIBERLEUT'!!",

so sprach der Held in kalter Au,
"IHR MÄNNER! AN DIE MACHT!
Warum trag' ich kein dunkelblau
statt dieser Frauentracht??

Ich bin auch gar nicht so allein,
wie Ihr es immer singt!
Schaut her, ein bunter Wiesenrain
ist 's ja, der mich umringt!

Ein Bein hab' ich, das ist wohl wahr.
Zum Glück! So treibt 's mich nicht
von hier nach dort und ich seh' klar
ins menschliche Gesicht,

das jagend und verbissen giert,
und ständig schreit: "ICH WILL 'S !!!"
Da bleib' ich lieber rot verziert
ein stiller froher Pilz ..."

(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 21. Oktober 2012

Das Glück zu Füßen

Dass mein Blick in all dem Grünen
gerade zu dem deinen fand,
ist mir wundersam erschienen.
Konnt' ich solch ein Glück verdienen?
Nehm' dich dankbar in die Hand.

Spür' sofort die hohen Mächte,
die uns zwei in dieser Stund'
(was ich nicht zu hoffen dächte)
einigten, und ach ich möchte
ehren diesen zarten Bund.

Dass mich meine schnellen Schritte
ganz genau vor dein Gesicht,
ganz genau vor deine Mitte
trugen, welch ersehnte Bitte
just aus meinem Herzen spricht.

Zaghaft legen meine Hände
sich um deinen schlanken Hals.
Unsre Blicke sprechen Bände.
Ist dein Wuchs hier zwar zu Ende,
lockt die Freude dich zur Balz.

Lockt dich in die warme Stube,
weist dir einen Ehrenplatz.
Und das Pech flieht aus der Grube
wie ein bös' ertappter Bube!
Und du,  Kleeblatt, wirst mein Schatz ...

(c) Bettina Lichtner

Samstag, 20. Oktober 2012

Nur ich allein

Nur ich allein steck' in der Haut,
die Gott für mich gemacht.
Kein andrer, der mir ähnlich schaut!
Nur ich bin so, wie ich gebaut.
Und Gott hat 's ausgedacht ...

Wie könnte ich nicht stolz drauf sein,
was einzig nur für mich?
Doch ist es mein und doch nicht mein.
Am Ende nimmt ja mein Gebein
der Himmelsvater sich.

So reck' ich mich in seine Höh'
und schau, wie er 's gemeint.
Er will, dass ich die Wege geh'.
Er hat Plan A, vielleicht Plan B
mit meinem Ich vereint.

Er gab den Raum und Zeit dabei,
und pflanzt die Saaten an.
Dann lässt er meine Seele frei,
auf dass ich fühlend, sehend sei
für das, was er ersann.

Ich gebe mich vertrauensreich
ihm gar in Gänze hin.
Dass ich ja keinem andren gleich',
macht mir das Herz so lieblich weich.
Ich bin so wie ich bin ...

(c) Bettina Lichtner

Freitag, 19. Oktober 2012

Gehorsamkeitsübung



Ein Schwarm von Gedanken fliegt auf das Papier
und flattert wie Vögel so wild.
Ich möchte ihn fangen und zähmen und spür',
er formt sich allmählich zum Bild.

Er zeichnet Gestalt und Geschichten aufs Blatt.
Die Feder gehorcht ihm aufs Wort.
Er scheint mir recht hungrig und frisst sich gar satt
am Vorrat vom sprachlichen Hort.

Der Schwarm malt Figuren, malt Landschaft und mehr.
Ich folge gebannt meinem Stift.
Er schwimmt so verloren durchs lyrische Meer,
bis er auf die Landzunge trifft.

Er schreibt und er streicht und er wirkt so konfus.
Doch wahrlich - ich seh es ja, bald
entsteht aus dem Dampf, aus dem Rauch und dem Ruß
ein klarer gereimter Kobalt.

Der Schwarm setzt sich nieder und still liegt das Blau
der Tinte im lyrischen Werk.
Und alles schaut friedlich, was eben noch rau.
Gezähmt ist der rastlose Berg ...


(c) Bettina Lichtner

Abschiedsschmerz

So bleib' ich immer Euch erhalten,
denn meine Wurzeln sind verzweigt.
Verzweigt mit diesen vielen alten,
so schönen Stunden, die verhallten,
noch eh der Tag sich dunkel neigt'.

Ich blühte bunt auf meine Weise,
solang', bis Gott mich welken ließ.
An Jahren keine lange Reise,
doch rechts und links der kurzen Schneise
sind Spuren da, durch die ich grüß'.

Gern wär' ich länger Euch geblieben.
Ich ahnte nicht ums schnelle End'.
Ich bitte Euch, ach, meine Lieben,
dass nie die Zeiten mich vertrieben,
auch wenn das Schicksal uns nun trennt.

Just gingen wir noch miteinander,
schon weint Ihr vor dem Grabe mein.
Man riss uns eiligst auseinander,
doch wisset, wir sind beieinander!
Der Tod wird nicht das Ende sein ...

Das Ende nicht von all der Liebe,
die ich Euch gab und Ihr zu mir.
Adé, Adé! Schaut nicht so trübe.
Dass nicht der Kummer Euch vergrübe,
lass ich als letzten Wunsch nun hier ...

                                                             
(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Von Herz zu Herz



Es wird das Wort der Poesie
im Seelengrund geboren.
Dort, wo vernünft'ge Phrasen nie
und niemals sich verloren.

Gar mächtig ist des Dichters' Wort,
denn es geht g'rad zum Herzen
und wärmt den so sensiblen Ort
wie Flammenschein der Kerzen.

Es trifft, es tröstet und berührt,
wenn 's mit dem Herz anbandelt.
Es hält, es fängt und es verführt.
Schau, wie sich 's Innre wandelt:

Sagt die Vernunft: "Ich liebe dich!",
trifft Amors' Pfeil daneben.
Haucht der Poet: "Mein Sternenlicht ...",
spürt man die Herzen beben.

Fragt die Vernunft: "Was weinst du drum?",
vereisen sich die Sinne.
Dreht Dichters' Wort die Tränen um,
versiegt die salz'ge Rinne.

Spricht die Vernunft von Hass und Wut,
erhärten die Gefühle.
Doch stimmt ein Vers die Seele gut,
dreht sich die Friedensmühle.

Dort wo vernünft'ger Blick versagt,
seh'n klar des Dichters' Augen.
Wo die Vernunft am Wort nur nagt,
kann Dichter jenes saugen.

Er inhaliert des Lebens' Traum,
sein Auf, Ab, Für und Wider.
Er gibt Gefühlen einen Raum
und lässt sie blüh'n wie Flieder.

Poetisch' Herz schlägt stets im Takt
der Welt zwischen den Welten.
Dort ist es nie an Worten nackt,
das Herz würd' sich erkälten.

Poetenseele spürt den Klang
der Melodie des Lebens.
Und die Vernunft? Sie sang und sang,
und es war doch vergebens.

Sie traf die richt'gen Töne nicht
und niemand wollt' sie hören.
Vernünft'ger Menschen Angesicht
singt nie in Dichterchören.

Vernunft, sie stellt sich taub und blind,
und sieht niemals zur Seite.
Weiß nicht, wo Herzens' Wege sind
und schaut nie in die Weite.

Gar oberflächlich ist die Welt,
die die Vernunft bewohnet.
Sie jagt das Leben, jagt das Geld,
und glaubt, dass es sich lohnet.

Doch der Poet, bescheiden gar,
liebt alle Seelentiefen.
Er jagt nichts und wirkt sonderbar,
und liebt 's, wenn Herzen triefen.

Er sieht des Lebens Zwischenraum
inmitten der Sekunden.
Er weiß, die Zeit ist eh nur Schaum,
und kennt die zarten Wunden.

Er drückt mit seinen Worten aus,
was seine Seele fühlet.
Und schickt es in die Welt hinaus,
dass es mit Herzen spielet.

Er ist ein Seelenkavalier,
und er ist sanft und streichelt.
Wer die Vernunft hört, sagt: "Ich frier!"
und fühlt sich nie geschmeichelt.

Des Dichters Welt ist bunt und reich,
ein farbiges Spektakel.
Und die Vernunft im Lebensteich?
Ein gieriger Tentakel.

Sie will und greift gar immer mehr
nur nach vernünft'gen Thesen.
Sie fühlt nichts, sie ist seelenleer,
kann nicht in Herzen lesen.

Vernunft bewohnt des Menschen Kopf.
Ein immerforter Mieter.
Sie rührt den faden Floskel-Topf
und herrscht wie ein Gebieter.

Sie kennt das Fragen-Antwort-Spiel
der menschlichen Gehirne.
Nennt Körper-Geist- und Seelen-Deal
ein unnütz' Dreigestirne.

Die Poesie hingegen wärmt,
tut gut in kalten Stunden.
Wer für Poetenzeilen schwärmt,
der hat sein Herz gefunden.

Der hört des Dichters' Sinfonie,
und lauscht den stillen Klängen.
Fühlt sich befreit, wie sonst wohl nie
aus starren Alltagsfängen.

Er fühlt poetisch' Wörtermacht,
und atmet ein die Sätze.
Spürt, wie vereiste Seele lacht
und liebt die Strophenschätze.

Und sagt, wenn er die Zeilen liest:
"Vernunft kennt nur der Dichter.
Nur er weiß, wie man Herzen gießt
und kennt die Seelenlichter.

Er fühlt genau, was Menschen fehlt,
es ging schon längst verloren:
ein Wort, das innendrin beseelt,
aus Poesie geboren ..."

(c) Bettina Lichtner

Neues Gewand

Oben hör' ich Gänse singen,
und ich stelle es mir vor,
dass sie dich zum Himmel bringen,
deine Seele auf den Schwingen
fliegt mit jenem Gänsechor.

Oben weiß ich deine Stimme,
und ich ruf' dir ein Adé.
Auch, wenn ich mich weinend krümme,
weiß ich doch, dass alles Schlimme
bald mir schmilzt wie weißer Schnee.

Oben seh' ich deine Nähe,
und die Ferne naht heran.
Wie ich meine Lungen blähe!
Könnt' ich fliegen wie die Krähe,
flöge ich gleich hintenan.

Oben trägt dich Gottes Segen,
hält dich schützend in der Hand.
Einsam ist es hier auf Wegen,
doch weil wir dich liebend hegen,
bleibt dein Boot an unsrem Strand.

(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Auf zu neuen Tänzen

Seele, komm, so fange dich!
Darfst mir ja nicht länger leiden!
Nicht mehr soll der Tode sich
nagend, plagend, klammernd weiden.

Sammle deine Tränen ein!
Gieß damit die Herbstzeitlosen!
Lächelnd sollst du wieder sein,
auch wenn in dir Stürme tosen.

Gräm' dich in der Trauer nicht.
Sieh doch nur, die Sonne wartet.
Wende zu ihr dein Gesicht,
dass es jammernd nicht entartet.

Tritt aus deinem Schattenfeld.
Nutz' die Stunde zum Befreien.
Lös', was sich bedrückend hält,
aus dem Biss von Trübsinn-Haien.

Denke nur, Gevatter Tod
kam und kommt stets ungebeten.
Wo er seinen Anblick bot,
ist ein Mensch vor Gott getreten.

Überall - sei dir gewiss,
tat er sich zum Besten geben.
Jeder kennt ihn! Denn er riss
alle Ahnen aus dem Leben.

Mancher starb im Mutterleib,
mancher wurde hundert Jahre.
Kinder, Greise, Mann und Weib -
alle zerrt der Tod zur Bahre.

Ihre Körper sind zwar fort,
doch sie ließen viele Schätze!
Und in dem gesproch'nen Wort
schaffen sie sich feste Plätze!

In Gedanken fest verschnürt
tragen wir die Spuren weiter,
dass es uns zusammenführt
auf der unsichtbaren Leiter.

Seele, komm, ach fange dich!
Gieß die Tränen in die Pflanzen.
Still' den Schmerz vom Todesstich
und lass' die Erinn'rung tanzen ...

(c) Bettina Lichtner

Du bleibst

Die Todesstunde macht so trübe
den Tag, der gar so bleiern liegt.
Ein Sehnen wächst, dass uns doch bliebe,
was leise nun zum Himmel fliegt.

Doch nimmer bleibt der Leib zugegen.
Nur Illusion. Nur kurzer Schein.
Er wird in Gottes Arm sich legen
und dennoch nicht verloren sein.

Was immer da lebendig blühte,
blüht weiter nach dem Tode auch.
Wo immer er die Saat versprühte,
bleibt mehr nur als ein vager Hauch.

Der Körper ist dem Blick entflohen,
die Spuren sind dem Herzen nah.
So kannst du, Tod, uns nimmer drohen,
denn immer bleibt die Liebe da ...

(c) Bettina Lichtner

WARUM???

Und die Tränen woll'n nicht enden!
Tod, ach Tod, warum? WARUM?
Warum musst du Blätter wenden?
Warum machst du 's Laute stumm?

Mitten in den schönsten Tänzen
kommst du schweigend in den Saal.
Und du stiehlst der Freude Glänzen.
Und den Seelen bringst du Qual.

Reißt hinfort das junge Lachen
und die unbeschwerte Stund'.
Warum musstest du DAS machen?
Warum lechzt du nach der Wund'???

Löcher sind es, tiefste Schluchten,
die die Trauer hinterlässt.
Und sie werden Tränenfluchten,
und das Leiden beißt sich fest ...

(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 16. Oktober 2012

R.I.P., Mathis! 16.10.12

Heute morgen verunglückte ein guter Freund unseres Sohnes tödlich im Alter von 17 Jahren. Wir sind zutiefst schockiert und fassungslos. Unser aufrichtiges Beileid gilt seinen Eltern und seinem Bruder. Diese Zeilen sind dir gewidmet, lieber Mathis ... Danke, dass wir dich kennenlernen durften.


Aus dem Leben fortgerissen.
Viel zu früh und ach so jung.
Eben noch ein letztes Grüßen,
letztes in die Arme schließen,
schon des Kreis' Vollendigung.

Eine Knospe noch .... im Treiben.
Eine Blüte noch .... so zart.
Doch du durftest uns nicht bleiben,
und wir woll'n mit Tränen schreiben:
DIESER ABSCHIED IST SO HART!

Deine Haut ... in frischer Glätte.
Deine Augen .... voller Traum.
Plötzlich aber riss die Kette,
und was ich zu sagen hätte
hallt so leer nun durch den Raum.

Bitte, Gott, gib ihn doch wieder!
Siebzehn Jahre blieb er nur ...
War so blühend noch wie Flieder.
Tiefste Trauer reißt uns nieder.
Kurz nur schlug die Lebensuhr.

(c) Bettina Lichtner

Montag, 15. Oktober 2012

Dünner als Papier

Niemals bist du ungebunden!
Seit den ersten Lebensrunden
hängst du ja in Gottes Gnaden
locker nur am seidnen Faden.

Gar sekündlich kann er reißen
und dich aus der Runde schmeißen.
Tust ja so, als wär' er sicher!
Ach, du so Bedauerlicher ...

Siehst du nicht, wie dünn er schimmert?
Wie er einmal dir nur flimmert?
Millimeterweises Leben
ist dem kleinen Ich gegeben.

Jederzeit, wenn 's so geschrieben,
kann er dich von deinen Lieben
trennen und du kehrst nie wieder.
SO hauchdünn nur ist sein Mieder!

Sorgsam musst du dich bewegen,
weil ihn sonst des Todes Degen
schneidet, wenn du 's gar nicht dächtest,
schneidet, wenn du 's noch nicht möchtest ...

(c) Bettina Lichtner

Schutzhülle

Die Schale des Daseins eröffnet sich sachte,
und unbedarft schaut ein Gesicht,
das jüngst nach dem Wunder des Werdens erwachte,
und das sich zur Reise des Lebens aufmachte,
hinein in das weltliche Licht.

Die Lasten nicht ahnend, und Träume nicht kennend,
beginnt es den irdischen Lauf.
Es lässt sich nur treiben. Für Ziele nicht brennend,
die Pläne und Wünsche erst späterhin nennend,
so geht es gar fröhlich treppauf.

Doch bald wird die Seele, die reine, die leichte,
vor Grenzen und Hürden sich seh'n.
Das Fahrwasser schäumt und ist nimmermehr seichte.
Wenn diese Erkenntnis das Innre erreichte,
dann ist 's um die Freude gescheh'n.

Da sehnt sich das Leben zurück in die Schale,
wo 's hütend und sicher sich fand.
Die Zeit aber spricht: "Alles, was ich dir male,
ist deine Geschichte und Gottes Zentrale
geleitet dich sicher durchs Land.

Drum fürchte dich nicht vor erschwerten Sekunden.
Es ist wie es ist und so sei 's.
Denn erst, wenn sich Leiden und Freude gefunden,
dann bist du wahrhaftig dem Leben verbunden
und schätzt deine kostbare Reis'.

(c) Bettina Lichtner

Brückentage

Es trennt nur eine Brücke mich
vom Auf- und Untergang.
Sie trägt mein Leben, trägt mein Ich.
Vielleicht jahrzehntelang ...

Was anfängt, wird zu Ende geh'n.
Ein Start hat auch ein Ziel.
Das Taglicht gibt mir zu versteh'n,
die Nacht gehört zum Spiel.

Die Zeit rauscht unter mir dahin,
ich spiegel' mein Gesicht
im ihrigen, solang' ich bin.
Die Stunde fließt ..... und bricht.

Ich halt mich am Geländer fest,
mein Blick schweift übers Land.
Wer ist es, der mich schauen lässt?
Welch Dank ich doch empfand ...

Zu Füßen liegt der Lärm der Welt.
Die Ruh' weilt über mir.
Die Stunde, die vorüber schnellt,
war g'rade doch noch hier ...

Da riss der Fluss sie fort, doch ich
kann trauernd ja nicht sein.
Ließ mich die eine auch im Stich,
schon ist die nächste mein ...

(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 14. Oktober 2012

Leihgabe

Leihe mir die Schulter dein.
Ich möcht' so gern gehalten sein,
gestützt, getragen wie ein Kind,
damit die Ängste fern mir sind.

Leihe mir die Arme dein.
Ich möcht' so gern geborgen sein,
umarmt, gewärmt, wie ich 's nie kannt'
aus meinem kalten Kinderland.

Leihe mir die Ohren dein.
Ich möchte meinen Kummer schrei'n,
dass er nicht nur im Nichts verhallt
und ungehört durchs Weltall schallt.

Leihe mir die Lippen dein.
Ich möchte gern liebkoset sein.
Dein sanfter Kuss soll mich berühr'n.
Ich möcht' so gern die Liebe spür'n.

Leihe mir die Nähe dein,
denn manchmal fühl' ich mich allein.
Ganz gleich, was du da leihest mir,
ich schenke dir mein Herz dafür ...

(c) Bettina Lichtner

Samstag, 13. Oktober 2012

Der Krug der Zeit

Und Gottes Krug schenkt kräftig ein,
schenkt Zeit mir, Tage, Jahre.
Ich möchte nur betrunken sein,
mich eingeschenkter Stunden freu'n
im Schattenfeld der Bahre.

Zuweilen mundet das Gebräu
mir süßlich so wie Beeren.
Es fließet jungfräulich und scheu
durch Adern  und erweckt dabei
das züngelnde Begehren.

Zuweilen schmeckt des Tages Trank
so unvermutet bitter.
Und legt mir die Gefühle blank.
Ein tränenreicher Seelentank
entleert sich wie 's Gewitter.

Dann weiß ich ja, ach, dieser Krug
ist nicht nur Zuckerschlecken.
Doch werd' und werde ich nicht klug!
Was bringt der nächste Atemzug?
Die Antwort kommt beim Schmecken.

Ich kann es nicht im Vorfeld seh'n.
Selbst, wenn der Krug aus Glase.
Am Tage kann so viel gescheh'n.
So muss ich trinken und versteh'n,
der Schluck ist eine Blase ...

Die mir zerplatzt samt Glück und Leid,
mit sämtlichen Geschmäckern.
Ich trinke aus dem Krug der Zeit
und schmeck' mit ganzer Innigkeit
die Frucht von Gottes Äckern.

(c) Bettina Lichtner

Waldmensch

Fest verwurzelt in der Erde
steht der alte Baum im Wald.
Möchte, dass ich stiller werde.
Gibt mir Kraft und Schutz und Halt.

Lehne mich an seine Rinde.
Schließ' die Augen, träum' mich fort.
Wie ich wieder zu mir finde ...
"Wald, du bist mein Zufluchtsort!"

Alter Baum stützt mich bei Schwäche,
hört mir zu und lässt mich sein.
Unter meiner Oberfläche
höre ich es fleh'n und schrei'n.

Schau hinauf zu seiner Krone.
Über mir kein Lärm, kein Krach.
Herrgott sitzt auf seinem Throne
und beäugt des Baumes Dach.

Schiebt das Blattwerk leicht zur Seite,
sieht am Stamme angelehnt,
Menschlein, das Geräusche scheute,
und sich stumm nach Ruhe sehnt.

Ungezählte Ewigkeiten
steht der alte Baum im Wald.
Jedweden Lebendigkeiten
bot er Frieden statt Gewalt.

Eichhörnchen und Vogelkindern
ist er sich'rer Unterschlupf.
Er kann Leid und Sorg vermindern,
schreit nicht, wenn ich 's Blatt abzupf'.

Niemals ist der Baum mir böse,
werd' mit ihm zusammen alt.
Sitz' am Stamm und träum und döse.
Tanke Kraft im Heimatwald.

(c) Bettina Lichtner

Freitag, 12. Oktober 2012

Wenn

Wenn dir was Gutes widerfährt,
was wär' der Augenblick dir wert?
Es sagt dir jemand ins Gesicht:
"Schau, der Moment kopiert sich nicht.
Es gibt ihn nicht ein zweites Mal,
es gibt kein Kopf mehr oder Zahl."
Wär' dir der Reichtum dann bewusst?
Ach .... oder packte dich der Frust?

Wenn dir ein Stündchen nur noch blieb,
bevor 's dich aus dem Leben trieb,
wen bätest du zum Abschiedstee?
Was wär' des Lebens Resümee?
Gingst du gebeugt oder gestreckt,
eh dich die kühle Erde deckt?

Wenn du vor einem Berge stehst,
sag mir, wie du die Richtung drehst.
Wenn dir der Fels die Sonne nimmt,
was ist es, dass dich heiter stimmt?
Entfliehst du deinem Schattenbild,
auch wenn es hilferufend brüllt?

Wenn dich der Mond zum Träumen bringt,
und dir ein kleines Vöglein singt,
und eine Fee mit Zauberstab
dir zwei, drei Wunschversprechen gab,
was würde dann im tiefsten dein
dein größtes Herzbegehren sein?

Wenn dir das Pech zum Halse reicht
und nicht von deiner Seite weicht,
und du das Glück nicht mehr erkennst,
und immer dran vorüber rennst,
obwohl 's dir schon zu Füßen liegt,
was wär' es, dass den Blick dir biegt?

Wenn nur das Wörtchen "Wenn" nicht wär',
dann hätt' ich keine Fragen mehr.
Dann wäre alles wie es ist,
und keiner hätt' das Wenn vermisst.
Doch weil ich 's Wörtchen gar so mag,
hab' ich noch eine letzte Frag':

Wenn du auf hundert Füßen gingst,
mit hundert Händen Herzen fingst,
wohin, zu wem trüg' dich der Schritt,
und wessen Wärme nähmst du mit?
Wenn 's dir als Gutes widerfährt,
wär' das nicht von immensem Wert?

(c) Bettina Lichtner

Zum Gedenken

Darfst mir ja nicht spurlos scheiden,
wenn dich Gott nach Hause bringt.
Denn, es linderte mein Leiden,
wenn dein Atem weiterklingt.

Sollst mir etwas hinterlassen,
möchte deiner weiter spür'n.
Will dich auch gestorben fassen,
um dich niemals zu verlier'n.

Geh nicht einfach von der Bühne,
geh nicht einfach aus dem Stück,
ohne dass ich deine Miene
tief mir ins Gedächtnis strick.

Auch, wenn Gott dir deine Weichen
Richtung Endstation verdreht,
bitte ich dich um ein Zeichen,
weil man doch nicht grußlos geht.

Will mich deiner habhaft machen,
eh dein Körper sich zersetzt.
Vielleicht lässt du mir ein Lachen,
einen Kuss, zu guter Letzt.

Ganz egal, nur lass mir Spuren,
wie auch ich sie lass von mir.
Kostbar sind die Signaturen
vor dem Gang zur Himmelstür.

(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Nicht umdrehen, bitte

Dreht Euch nicht um,
denn die Wehmut geht um,
wer sich nur nach rückwärts dreht,
sieht Verpasstes, das da fleht.

Schaut nicht zurück
auf vermeintliches Glück,
denn allein in dieser Stund'
tut das wahre Glück sich kund.

Blicket nach vorn,
lasset ab von dem Zorn.
Wer nur wütend tobt und schreit,
dem entgeht die beste Zeit.

Bleibet ganz still.
Hört, was Gott von Euch will,
und dann findet Euren Kern.
Jener war Euch nimmer fern.

Seid auf der Hut,
dass Ihr Gutes Euch tut.
Lasst Euch ja nicht irritier'n.
Sollt das Böse ausradier'n.

Zieht Euch ins Herz
und vergesst Euren Schmerz,
und genießt, was Ihr g'rad habt,
denn die Zeit, sie rennt und trabt.

Hört tief hinein,
in der Mitte sollt Ihr sein.
Jede Antwort, die Ihr sucht,
hat sich längst schon eingebucht.

Fragt nicht so viel,
denn alsbald kommt das Ziel,
und vor lauter Fragerei
ging das Leben blass vorbei ...

(c) Bettina Lichtner

Täuschungsmanöver

Ich schau in dein Gesicht
und seh die nackte Haut,
doch ahne ich ja nicht,
wie 's unterm Hautbild schaut.

Mein Blick trifft den von dir.
Jedoch ..... was sagt er mir?
Was lese ich darin?
Wie ratlos ich doch bin.

Du öffnest deinen Mund
und sprichst so wirr und bunt,
dass ich nicht so recht weiß,
wie hoch ist 's Wort im Preis?

Was ist der Satz wohl wert,
den ich von dir gehört?
Ob du 's wohl ehrlich meinst?
Oder nur ehrlich scheinst?

Könnt' ich ins Herz dir seh'n,
was würde ich erspäh'n?
Wär 's Liebe oder Hass?
Warum wirst du so blass?

Mich dünkt, ich kenn dich nicht,
ich sehe ein Gesicht,
ich seh nur nackte Haut,
die kalt und lieblos schaut ...

(c) Bettina Lichtner

Der Liebe mahnend' Wort

"Meine Herzanziehungskraft
ist nun endgültig erschlafft!",
sprach die Liebe, doch sie stieß auf taube Ohren.
"Dass nun so ein Abgrund klafft,
hat allein das Geld geschafft.
Wo 's regiert, da bin ich hoffnungslos verloren.

Und mir scheint, mir scheint, es droht
eine große Hungersnot
in den satten, in den vollgefüllten Ländern.
Und es naht der Kältetod,
weil man meiner sich verbot.
Ich verschwinde aus den goldenen Gewändern.

Untreu bricht man mein Genick.
Oft gar bin ich nur ein Trick,
um im Scheidungsfalle kräftig zu kassieren.
Ach, mir fehlt der wahre Kick,
dieses kleine Quäntchen Glück,
denn ich möcht' so gerne wieder mal brillieren.

Mich zu teilen, fällt wohl schwer.
Denkt: dann würde ich ja mehr
und kann tausend-, ach, unendlichfach erfreuen!
Heut lauf ich nur nebenher
und verkomm' zum Irgendwer.
Doch ich bin gewillt, Euch allen zu verzeihen.

Wenn doch einer mal beginnt
und sich meiner Haut entsinnt,
und mich nennt bei meinem vollständigen Namen ...
Früher machte ich Euch blind!
Weil die Blicke störrisch sind,
spielen auf der Bühne nur noch lauter Dramen."

(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Eine Stunde wird die letzte sein

Warte, warte, schnelle Stunde!
Eile mir doch nicht davon!
Gott vermählte uns zum Bunde,
doch du jagst mich Rund um Runde,
dass die Freude mir zerronn.

Zähme deinen wilden Ritte!
Mir wird ja mein Odem rar!
Ich verstolper' meine Schritte,
und das Fliehen meiner Tritte
birgt die Herzinfarktgefahr.

Lass' mich zur Besinnung kommen!
Seh ja nichts mehr links und rechts!
Torkel' vorwärts wie benommen,
meine Blicke sind verschwommen.
Stopp' den Eifer des Gefechts!

Bis der Tod uns beide scheidet
wollten, ach, so sollten wir,
innig liebend sein, doch leidet
meine Seele, denn sie neidet
fremder Stille das Revier!

Wie entkomme ich dem Rennen?
Wie verschwindet nur dein Fluch?
Kann mich selbst nicht mehr erkennen.
Möchte still verweilen können.
Hätt' ich doch ein Zauberbuch ...

(c)  Bettina Lichtner

Dienstag, 9. Oktober 2012

Scheue Röte

In dein Glühen will ich 's tunken,
dieses Leben, dieses eine.
Brennen sollen deine Funken
im erwachenden Gebeine.

Oh du Himmel in der Frühe,
deinen roten Saft zu trinken,
spart mir ja des Sportes Mühe.
Und mein Auge will versinken ...

Sollst dich immer rötlich kleiden,
doch das Graue naht und naht,
dir den Augenblick zu neiden
und den schönen Wärmegrad.

Ach, ich weiß ums schnelle Flüchten
dieses morgendlichen Spiels.
Asche wird aus den Geschichten ...
(Sei es drum, denn mir gefiel 's.)

Ich ersoff im Dunkelroten,
trug die Farbe durch den Tag.
Dank, Ihr holden Himmelsboten.
Glut quillt im Sekundenschlag!

Meine Arme woll'n sich breiten
und die Lunge füllt sich an.
Atme tief in Auen-Weiten.
Tief und tief, so tief ich kann.

Atme so, dass mir die späte
Stunde noch an Kräften reich.
Du geliebte Morgenröte,
du beschenkst mich wie ein Scheich ...

(c) Bettina Lichtner

Montag, 8. Oktober 2012

Einmal Himmel und zurück

Manchmal möcht' ich zaubern können,
möchte fliegen, möchte rennen,
um nah bei Euch zu sein.

Tausend Meilen, die uns trennen,
möcht' ich einfach niederbrennen
und voller Sehnsucht schrei'n.

Hört Ihr mich? Ich bin 's, ich.
Euer Lachen, Eure Hände,
ich vermiss' Euch ohne Ende.
Aber mein Zuhaus' ist hier,
und dazwischen liegt die Tür,
und der Schlüssel liegt bei mir.

Euch zu finden, zu verlassen,
Wünsche, Träume, die verblassen,
und doch im Herzen blüh'n.

Alte Wege, neue Gassen,
alles will ich halten, fassen,
und damit weiterzieh'n.

Hört Ihr mich? Ich bin 's, ich.
Euer Lachen, Eure Hände,
ich vermiss' Euch ohne Ende.
Aber mein Zuhaus' ist hier,
und dazwischen liegt die Tür,
und der Schlüssel liegt bei mir.

Ich will bleiben! Ich muss gehen.
Heimkehr, Abschied, Wiedersehen.
Frei in Gedanken sein.

Könnt' der Wind mich zu Euch wehen,
alles ließe ich geschehen.
Nie war die Welt so klein.

Hört Ihr mich? Ich bin 's, ich.
Euer Lachen, Eure Hände,
ich vermiss' Euch ohne Ende.
Aber mein Zuhaus' ist hier,
und dazwischen liegt die Tür,
und der Schlüssel liegt bei mir,
und der Schlüssel liegt bei mir ...

(c) Bettina Lichtner

Federfrei

Der Ruf nach Freiheit klingt in mir,
ich geh fort und du bleibst hier.
Ich fühle, dass du traurig bist
und mich vermisst.

Die neue Welt ist bunt und schön.
Und alle Farben will ich seh'n.
So viele Herzen, die ich fand
im fremden Land.

Zuhaus, zuhaus,
ist wo mein Herz sich dreht,
und ein Freund ist, der auch zu mir steht,
einer der mich nie verlässt.
So frei, so frei,
und doch geborgen sein,
und zu wissen, ich bin nie allein.
Die Liebe ist ein warmes Nest.

Egal, wohin der Wind dich trägt,
welcher Arm sich um dich legt,
lass eine Spur, ein kleines Stück
von dir zurück.

Zuhaus, zuhaus,
ist wo mein Herz sich dreht,
und ein Freund ist, der auch zu mir steht,
einer der mich nie verlässt.
So frei, so frei,
und doch geborgen sein,
und zu wissen, ich bin nie allein.
Die Liebe ist ein warmes Nest.

(c) Bettina Lichtner

Messi-Ass

Schau mal dort, ein Messi-Ass!
Sein Gehirn ist vollgepfropft.
Vorurteile, sonst wie was ...
Falsch geordnet. Vollgestopft!

Blickgestörtes Bilderfeld
in der oberen Region.
Alles ist so zugestellt
mit verworr'ner Illusion.

Einzig noch ein schmaler Gang,
der ein Licht der Hoffnung lässt.
Wahrlich, dieser Sammelzwang
schnürt die Luft im Wipfelnest.

Festgefahr'ner Meinungs-Bus
und Blockaden im Gefühl,
machen dir den Kopf konfus.
Hol' dich raus aus dem Gewühl!

Ordne deinen Kopf! Jetzt gleich!
Sonst erstickst du in dem Dreck.
Denn das Hirn sei dir ein Reich
ohne einen dunklen Fleck ...

(c) Bettina Lichtner

Leere Fülle

Den Mündern fehlt das A, B, C,
die Blicke sind gefroren.
Wenn ich die Ellenbogen seh',
tut ach sogleich das Herz mir weh,
weil sie 's so hart durchbohren.

Die Schritte sind der Uhr voraus,
die Ohren taub für Klänge.
So sieht es auf den Straßen aus.
Der bunte Pfau, die graue Maus
im eilenden Gedränge.

Die Freundlichkeit hat sich versteckt
und wird recht kurz gehalten.
Ich hätt' sie gerne aufgeweckt,
doch weil das Murren sie erschreckt,
wollt' sie sich nicht entfalten.

Die Augenbraue bös' gestellt,
die Lippe spitz gezogen.
Die Stirn, die sich in Falten wellt
und sich am andren Kopfe prellt,
braucht einen Psychologen.

Die Hände sind derweil verkrampft
wie eisgekühlte Blöcke.
Die letzte Wärme ist verdampft
und aus dem kalten Herzen stampft
der Schneemann um die Ecke.

Und streut die Flocken ringsumher.
Ich steh' und überlege,
wie schön es für die  Menschen wär',
es käme eine Fee daher
und baute Herzenswege ...

(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 7. Oktober 2012

Der rote Faden

Ein Engel gab dem Kindchen klein,
das just den ersten Schrei getan,
ein Knäuel in die Hände sein,
ein rötliches, wie Wolle fein,
für den noch fremden Reiseplan.

Es zog der rote Faden sich
durch Zeit und Raum und Wort und Tat,
und blieb dem Wesen treu und wich
ja nie von diesem kleinen Ich,
und machte ihn zum Unikat.

Vom ersten bis zum letzten Tag
verstrickte sich die kleine Seel'
mit allem, was da vor ihr lag,
ob Freude oder Schicksalsschlag,
g'rad so, als sei 's ein Marschbefehl.

Das Rote zog sich landesweit
netzähnlich übers Erdenreich.
Ihm war bewusst, der Gott der Zeit
war jener, der den Faden leiht,
doch nicht für jedes Wesen gleich.

Und jeden Schritt, den jeder ging,
versponn der Faden mit der Uhr.
Und als das letzte Stückchen hing,
im Händchen von dem Erdenling,
da gab er Gott die rote Schnur ...

(c) Bettina Lichtner

Samstag, 6. Oktober 2012

Steinschlag

Fort, Ihr Steine! Fort, Ihr Lasten!
Sollt nicht länger auf mir rasten.
Meine Schultern woll'n sich richten.
So, hinfort - Ihr Leidgeschichten!
Rücken sucht nach seiner Geraden.
Ihr habt ihn zu schwer beladen.
Werf' Euch ab, Ihr drückend' Klötze.
Wie ich mich daran ergötze ...
Hat 's auch seine Zeit gedauert:
Ihr habt mich nicht eingemauert!
Wie ich atme, wie ich lebe
und dem Glück entgegen strebe.
Auf, Ihr Steine, fliehet, ziehet,
dass  mein Lachen wieder blühet!

(c) Bettina Lichtner

Gassenmelodie



Unter ihren  Fensterrahmen
sangen einst den jungen Damen
junge Herren ihre Ständchen,
baten 's Liebchen um ihr Händchen,
und wenn sie sich gut benahmen,
waren 's Küsse, die da kamen.

Heute sind es Tastaturen,
durch die menschliche Figuren
ihre Herzen fliegen lassen.
Doch - dort sind sie nie zu fassen.
Es sind geisterhafte Spuren
aus den Strom-Apparaturen.

Keiner klettert mehr auf Leitern,
um die Liebste zu erheitern.
Keiner singt ihr mehr auf Wegen,
und wirft Rosen ihr entgegen.
Was, wenn Technikdaten meutern?
Ob dann alle Lieben scheitern?

Fensterläden abgeschottet.
Wer heut' fensterlt, wird verspottet.
Heute wird gesimst, getwittert.
Und das Herz, das Liebe wittert,
liegt in Brüsten eingemottet,
wo es unentdeckt verrottet ...

(c) Bettina Lichtner

Freitag, 5. Oktober 2012

Eifrige Sucht

Als die Eifersucht ans Ufer schwappte,
da ertrank die Liebe in der Gischt.
Und als sie die zarten Bande kappte,
war der Zauber gleich wie weggewischt.

Dort, wo eben noch die Küsse tranken,
füllen Tränen nun den leeren Krug.
Aus dem Süßen wird ein böses Zanken.
Manchmal wird man ja aus Schaden klug.

Die Gefühle schlagen hohe Wellen,
in den Tälern tobt ein Rosenkrieg.
Und der Himmel will sich nicht erhellen,
und die Eifersucht holt Sieg um Sieg.

Ach, die Liebe wird des Kämpfens müde.
Ihre Haut - von Wunden übersät.
Und im Morgen wartet leis' der Friede
gar so lange, bis der Wind sich dreht ...

(c) Bettina Lichtner

Freitags gibt 's Fisch!

Ein Fisch schwamm mit dem Mütterlein
im frischen klaren Bache.
Derweil hält dort am Uferrain
ein Angler hungrig Wache.

Er saß seit Stunden an dem Fluss.
"Oh, Fisch, ich ahn das Grauen.
Du wirst des Anglers Hochgenuss.
Er möchte dich verdauen!"

Das Unheil nahm ja ohne Halt
den Lauf, den ich vermutet.
So zappelt an der Angel bald
der Fisch - und mein Herz blutet.

Im Bach hört man ein leises Fleh'n:
"So lass mir doch die Mutter!
Ich will kein Nimmerwiederseh'n,
such dir ein andres Futter!"

Den Angler aber stört es nicht.
Ein Schnitt und sie verendet.
Sie hat ihr sterbendes Gesicht
nochmal zum Kind gewendet:

"Mein liebstes Kind, die Zeit ist da.
Wir wussten, nichts bleibt immer.
Ich bleibe dir im Herzen nah,
mein tapfrer kleiner Schwimmer ..."

Dann hauchte sie ihr Leben aus,
ich stehe still und leide.
Der Angler holt die Seele raus
mitsamt der Eingeweide.

Das Kind im Fluss schwimmt ganz verweint
alleine durchs Gewässer.
Und lachend wetzt des Fisches Feind
genüsslich seine Messer.

(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Durch die Pusteblume geschaut



Dieses Leben ist, Ihr Leser,
nichts für Pusteblumenbläser.
Es ist hart und kostet Nerven.
Und man darf sie nicht verwerfen,
diese eine Daseins-Chance.
Das erfordert viel Balance-
Gefühl für gut und schlecht.
Ist das gerecht?

Willst du, liebes Menschenkind,
eilen durch die Zeit geschwind?
Oder willst du lieber schleichen?
Willst du deine Lebensweichen
nur in gerade Richtung stellen,
oder manchmal auch in Wellen
durch die Lebenstage ziehen?
Oder fliehen?

Sieh doch nur, die kleinen Wesen.
Ach, sie können noch nicht lesen,
was ich übers Leben schreibe.
Aber halt, ich treibe
gerade mal vom Thema fort.
Also: schau, ein Kinderhort,
siehst du dich dazwischen noch?
Vielleicht ja doch?

So 'ne Kindheit, die ist knapp.
Und der Weg bis hin zum Grab,
der ist knapper als gedacht:
Gerad' im Leben festgemacht,
wird man einfach fortgerissen.
Ist doch eigentlich besch.....eiden!
Geradezu ein Jammerleiden!
Zu vermeiden?

Zurück zum Menschenanbeginn.
Gibt es irgendeinen Sinn
unsrer Kindheit zu bereden?
Schaukeln, rutschen und in Läden
laut nach den Bonbons zu schreien?
Oder gar den nagelneuen
Wagen vom Papa zu fahren?
Selber sparen?

Ach, wozu denn! Die Sponsoren
so 'ner Kindheit sind geboren,
eh das Kind noch laufen kann.
Schon fängt doch das Geben an,
und das Nehmen noch dazu.
Geben, nehmen, ohne Ruh'.
Mittendrin im Kids-Konsum.
Sponsoren-Ruhm?

Hier die Euros, da das Handy,
Gameboy, Walkman, tja und wenn die
lieben Kleinen artig waren,
kann man auch in Urlaub fahren.
Aber nicht mal schnell ums Eck,
nein, da geht 's schon weiter weg.
Mindestens die Kreuzfahrt-Tour!
Wo endet 's nur?

Nur verständlich, dass die Nestbrut
kaum was für das eigne Nest tut.
Ist 's zuhause so gemütlich
und das Essen appetitlich,
bleibt man gern bei Mutti wohnen,
was am Ende sich wird lohnen,
denn so günstig wird es nimmer!
Es wird schlimmer!

Doch es gibt auch ärm're Wesen,
die noch nirgendwo gewesen
sind, weil elterlich' Finanzen
spärlich sind und in den Ranzen
dieser Kids fehlt 's Pausenbrot,
das ist eine große Not.
Reich und arm in einem Land!
's ist allerhand.

Ist 'ne Kindheit ohne Sorgen?
Kinder denken kaum an morgen,
denken nur von jetzt auf gleich.
Heute arm und morgen reich.
Oder vielleicht umgekehrt?
Manchmal ist 's ja so verkehrt
dieses ganze Lebensspiel.
Was ist das Ziel?

Kinder leben unbeschwerter.
's Leben wird nicht lebenswerter,
aber liebenswert vielleicht,
jedoch nur, wenn 's Gelde reicht,
sonst ist 's nix mit lieben Werten,
die zum "sorgenlos" gehörten.
Ziehst du erst das Sorgenlos,
geht 's Sorgen los.

Kinder finden 's Kindersein
oft die allergrößte Pein.
Pflichten hier und wenig Rechte.
Papa gut, Mama die Schlechte,
weil sie auf die Pflichten pocht.
Wer hat schon die Pflicht gemocht?
Immer diese ganzen Zwänge!
Kindheitsenge?

Wären Kinder kleine Wähler,
gäb 's wohl keinerlei Pennäler.
Notenschnitt und so Geschichten
und die ganzen Schülerpflichten
würden in der Hölle brennen.
Und der Teufel lernt sie kennen,
all die Formeln und Vokabeln
und Parabeln.

Doch so ist es ja mitnichten,
denn die größte aller Pflichten
bleibt nunmal der Schulbesuch.
Schule - dieses rote Tuch!
Tests und Arbeit schlecht zu schreiben,
das bedeutet sitzen bleiben,
sogenannte Ehrenrunde.
Guter Kunde ...

Jahr um Jahre wird gesessen
in den Klassenräumen, dessen
Tafeln, wär'n sie Plaudertaschen,
weil sie stumm so viel erhaschen,
ganze Dokusoaps erzählten,
und all die Gewissen quälten
jener Haupt- und Zweitdarsteller.
Ein Bestseller.

Schwupps, und g'rad noch erste Klasse,
schon geschafft - die Schülertrasse!
Weiter geht es, immer weiter.
Geld verdienen - ach, wie heiter.
Selbst versorgen! Wohnung suchen.
Das Erwachsensein verfluchen.
Sehnsucht nach dem Elternhaus.
Kindheitsschmaus.

Wahrlich, 's ist kein Zuckerschlecken,
dieses Leben! Zum Verstecken.
Doch, wohin nur? Wohin fliehen?
Gar nicht! Du musst weiterziehen
und dem Leben dich wohl stellen.
Die Minuten, diese schnellen,
reißen dich hinfort, gar stündlich.
Und das gründlich.

Während du die Zeit verdaddelst,
und im Strom des Geldes paddelst,
stehst du plötzlich - allerhand -
mitten im Seniorenland!
's Leben lief 'nen Marathon.
Tja schau, das haste nun davon.
Zu achtlos durch die Zeit geeilt.
In dir verweilt?

Wohl kaum! DICH hast du vergessen.
Liefst durch Jahre wie besessen.
Du kannst schon den Zielpunkt sehen,
da, wo Sensemänner stehen,
um dich freudig zu empfangen.
Jeder wird dorthin gelangen!
Kein Zurück und keine Wende.
Dort steht: ENDE.

(c) Bettina Lichtner

Im Bann des Welken

Den Hauch des Herbstes eingefangen
in abgeblühten Sommerstangen,
in knöcherigen Halmgestalten,
die stolz ihr Köpflein aufrecht halten.

Der Wind umgarnt das alte Kleide
und wiegt die welke Sommerweide
in seinen Armen wie ein Kinde.
Und tanzt noch einmal mit der Linde.

Das Sonnenlicht hüllt die Gerippe
der einst so bunten Blumensippe
mit warmen Händen liebestrunken,
und ist dann sachte drin versunken.

Sank leis hinab und alles ruhte.
Wohlan, es naht nun die Minute
der herbstbenetzten Tage, Wochen.
Und auch der Winter kommt gekrochen ...

Mit Schritten, die uns ahnen lassen,
dass bald die Herbstzeitlosen blassen,
dass sich das Welke eiskalt wandelt,
solange, bis der Lenz anbandelt ...

(c) Bettina Lichtner

So und so

Zu  manchen Tagen ist das Leben schwierig.
Und begierig
trinkt der Frust.
Und andre Tage sind so leinenführig.
In der Lyrik
blüht die Lust.

G'rad glaubtest du die Stunde als gewonnen,
hast begonnen,
zu vertrau'n.
Schon ist der Augenblick im Nichts zerronnen,
und besonnen
bleibt das Schau'n.

Geschenkte Zeit, die just dir neu geboren,
wird verloren,
immerzu.
Du reitest durch den Tag mit spitzen Sporen.
Und den Ohren
fehlt die Ruh'.

Ach, eben war das Licht aus fernem Zimmer
noch ein Schimmer
leisen Glücks.
Da schwächt ein falsches Wort den sanften Dimmer.
Ein "Für immer"
flieht des Blicks ...

(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Noch 'ne Runde

Der Jahrmarkt hat die Stadt im Griff
und gleichfalls mein Erstaunen.
Da fliegt kopfüber gar ein Schiff!
Die Achterbahn, vor der ich kniff,
bringt andren gute Launen.

Es hängen hoch am Firmament
(ganz nah dem Sonnenscheine)
in einem Karussellsegment
samt einem wilden Drehmoment
arg zappelnd Fuß und Beine.

Ein Schreien in der Wolkenwelt
und Herzen, die da rasen.
Was dort den Mutigen gefällt,
ist nichts für mich. Ich bin kein Held,
zähl' zu den bangen Hasen.

Ich schlendre lieber nur umher
und träum' im Riesenrade,
wie schön die Freiheit doch nur wär',
fernab von diesem Menschenmeer,
fernab der starren Pfade.

Fernab des Alltags, der mich frisst.
Fernab von meiner Zelle.
Ich lebte gerne als Buddhist,
stattdessen bin ich ein Statist
der Lebenskarusselle ...

(c) Bettina Lichtner

Fallende Hüllen

Der Morgen trägt ein Negligé
und lüftet es verwegen.
Darunter liegt ein Kanapee,
und was ich in natura seh,
macht mich sogleich verlegen.

Es zeigt sich unterm zarten Hauch
erwachendes Gefilde.
Der Nebel malt von Baum und Strauch,
von Wiese und Gewässer auch
ein ach so schönes Bilde.

Er zieht den Schleier leise fort.
Welch prächtige Enthüllung!
Ich will verkünden, dieser Ort
ist mir ein wahrer Seelenhort,
gleich innerer Erfüllung.

Ich gehe durch die Nebelwand,
und möchte sie gern fassen.
Doch muss ja meine Menschenhand
das wabernde Naturgewand
wohl leider gehen lassen.

Mein Auge will an dieser Stätt'
sich gleich in Freude winden.
Wenn ich so einen Schleier hätt',
ich würd' darunter gar komplett
mit Haut und Haar verschwinden.

(c) Bettina Lichtner

Schlaflose Nächte

Vollmond kriecht durch Haus und Wände,
dringt in fremde Traumgelände,
krabbelt durch die ganzen Seelen,
einzig um den Schlaf zu stehlen.

Und er sieht den süßen Schlummer,
ahnt den morgendlichen Kummer,
weil er tiefsten Schlaf entführte
und den Menschen drangsalierte.

Denn die Körper in den Betten,
tanzten rastlos Pirouetten.
Rechts und links und immer wieder.
Doch sie wurden ja nicht müder.

Wälzen, drehen, gähnen, recken.
Alle Schäfchen wieder wecken,
und nochmal von vorne zählen,
und sich durch die Stunden quälen.

Aufsteh'n, gehen, kräftig fluchen.
Einschlafhilfen auswärts suchen,
wieder sich ins Kissen kuscheln
und ein paar Gebete nuscheln.

Ach, der Mond, der hat gut lachen,
mir die Nacht zum Tag zu machen.
Aber selbst am nächsten Morgen
sich den blauen Himmel borgen ...

Und gar unschuldig zu schauen.
Könnt' ich jetzt 'ne Leiter bauen,
ach, ich könnt' nicht an mich halten,
ihm sein Lichtlein auszuschalten!

(c) Bettina Lichtner

Wasserspiegel

Ich rieche den Herbst und ich seh ihn im Fluss.
Er spiegelt dort Blätter und Bäume.
Der scheidende Sommer gibt mir einen Kuss
und lässt mir ja all seine Träume.

Ich atme von beidem den süßlichen Duft.
Der Morgen grüßt kühl, aber lächelnd.
Der Jahreszeitwechsel in heimischer Luft,
zeigt mir das Lebendige schwächelnd.

Der sommerlich blühende, leuchtende Wuchs,
erstrahlt nun in welkender Größe.
Der Fluss liegt so still, frei des täuschenden Trugs,
in ach so erquickender Blöße.

Er malt ein Gemälde von Mutter Natur,
so ganz ohne Farbe und Pinsel.
Und doch ist es eine vergängliche Spur,
das Bild auf dem nassen Gerinnsel.

Ich blicke die Wahrheit, wenn ich zu ihm schau.
Kein Mensch kann mir jemals so scheinen.
Es ist seine Reinheit, auf die ich vertrau,
in welcher sich Klarheiten einen.

Er spiegelt das herbstliche bunte Gewand
und lässt mich in Demut erstarren.
Mein Herz fängt die Stimmung im wandelnden Land,
ich könnte noch länger verharren ...

(c) Bettina Lichtner

Eingetaucht

Du abendliches Himmelsglüh'n!
Lass meine Blicke zu dir zieh'n,
und lass mich trinken vom Rubin.
Was mir am Tage lästig schien,
seh' ich in deinem Rot verblüh'n.

Du tief gefärbtes Abendland,
du setzt mir gar mein Herz in Brand,
und bringst mich fast um den Verstand.
All das, was ich belastend fand,
nimmst du mir sanft aus meiner Hand.

Wie wohlig schmeckt mir deine Glut.
Du bist des Glückes höchstes Gut.
Mein ganzes Seelenleben ruht.
Du bändigst aufgestaute Wut
und bist mir Ebbe nach der Flut.

Du hüllst mit deinem warmen Schein
mir Körper, Geist und Seele ein.
Ich werde voller Demut klein,
und will von dir durchleuchtet sein.
Du Abendröte, komm sei mein.

Mein Augenlicht berührt dein Kleid
in seiner ganzen Herrlichkeit.
Ich schaue eine Ewigkeit,
und bin verlor'n in Raum und Zeit.
Du hast vom Tagwerk mich befreit.

Mich rührt, verführt dein roter Blick.
Der Tag, der geht, kehrt nie zurück.
Ich tauche ein ins Abendglück,
das ich mir ins Gedächtnis drück',
denn kurz nur spielt das schöne Stück ...

(c) Bettina Lichtner

Das Schweigen des Reihers

Steht stumm auf der Stelle
der Reiher-Geselle
und harret der Dinge, die kommen.
Ich, clever und helle,
ich knips auf die Schnelle
und hab' ihn als Bild mitgenommen.

Bevor ich verschwinde
erbitte ich Gründe
für scheinbar belangloses Schauen.
Ich sage gelinde,
wie schön ich es finde,
sich einfach das Nichtstun zu trauen.

Der Reiher bleibt schweigend,
die Schulter mir zeigend,
und hält ganz gelassen den Schnabel.
Ich stehe verneigend
und Ruhe abzweigend.
Der Reiher ist echt formidabel.

Als Ufergenossen
steh'n wir unverdrossen
uns lange und still gegenüber.
Gedanken, die sprossen,
die hielt ich verschlossen,
mir war die Besinnlichkeit lieber.

Ich ließ mich nicht stören
und lernte, zu hören.
Geräusche, die mich sonst nicht trafen.
Ich kann es beschwören,
es tat mich betören,
das Ankern im schweigenden Hafen.

So strichen Minuten
ins Land (diese guten).
Ich merkte nicht mal, wie sie schwanden.
Ich lausche den Fluten
und spür mein Herz bluten,
weil Reiher und ich sich hier fanden.

Ich dank' ihm von innen
fürs ruhige Verrinnen.
Es hat mich mit Kräften beladen.
Dann geh' ich von hinnen.
Verzauberte Sinnen,
und gänzlich befreit von Blockaden.

(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 2. Oktober 2012

Ausgelatscht

Aus dem Gras ein leises Weinen,
und mein Blick ergreift im Nu
den im Grünen ach so kleinen
und verlass'nen alten Schuh.

Wessen Füße ihn wohl trugen?
Welche Wege er wohl ging?
Ob sie ihn ins Abseits schlugen,
weil er alternd sich verfing?

"Ach, man hat mich fortgeschmissen,
weil die Schönheit mich verließ.
Nun hab' ich ins Gras gebissen.
Komm ich jetzt ins Paradies?

Oder werd' ich hier vermodern,
ganz allein - mir wird so bang.
Wie die Ängste in mir lodern.
Ich vermisse meinen Gang.

Ich will laufen, will was sehen,
doch ich weiß, das End' ist hier.
Wenn auch andre weitergehen,
ich ging durch die letzte Tür ..."

(c) Bettina Lichtner

Eingebrannt

Lange hielt das Schloss den Riegel
fest in seiner Eisenhand.
Und das Misstrau'n hielt den Zügel
in dem menschlichen Verstand.

"Ach, Ihr Eltern! Ward 's Verderben.
Gabt mir ja die Liebe nie.
Meine Seele lag in Scherben
und ich floh zur Poesie.

Stund um Stund die Quälereien,
und nach außen hin nur Trug.
Wollte ständig mich befreien
aus dem schwarzen Höllenzug.

Immerzu das Niederschweigen
all der kriminellen Schand'.
Ihr sollt' in den Abgrund steigen!
Nimmer geb' ich Euch die Hand!

Kämpf' bis heut' mit dunklen Träumen.
IHR habt das aus mir gemacht!
Ich will niemals je versäumen,
Euch zu ächten - jede Nacht!

Eure Strafe steht geschrieben,
ich verfluche Euch im Reim.
Von dem Droh'n ist nichts geblieben.
Ich halt gar nichts mehr geheim!"

Raus mit dir, du Quäl-Gedanke.
Ich brauch' einen klaren Kopf!
ENDLICH fällt die alte Schranke
und es atmet unterm Schopf ...

(c) Bettina Lichtner

Privatsphäre

Kaum ist man auf dieser Welt,
ist man schon privat.
Name drauf, Schild aufgestellt
und zum Kampf parat.
Alles meins! Komm' nicht zu nah!
Bin in Angriffslust.
Schlösser, Zaun und Kamera,
streitgeblähte Brust.
Parkplatz, Grundstück, Leben gar:
alles fest vertaut!
Kleiner Zeh bis hoch zum Haar:
rein private Haut.
Drumherum mein ganzes Gut,
alles, alles meins.
Bin auch immer auf der Hut,
denn es wird nie deins!
Fremder Fuß und fremde Hand:
dies ist MEIN Besitz.
Schere dich von meinem Land!!!
"HA, HA, welch ein Witz!"
Halt, wen hör ich? Sag, wer spricht?
Wer wagt Widerspruch?
Sage mir, wer gönnt 's mir nicht?
Komischer Geruch ...
"ICH bin es, Gevatter Tod.
Und ich gönn 's dir schon,
doch ich weiß genau, was droht,
kenn der Raffgier Lohn.
Klammer ruhig! Halt alles fest.
Hol die Waffen raus.
Geh auf Abwehr bis zum Rest.
Schütz' privates Haus.
Ach, du kleiner Klammeraff',
was heißt schon privat?
All dein weltliches Geraff':
wachsgleich' Fabrikat ..."

(c) Bettina Lichtner

Montag, 1. Oktober 2012

Frei geschwommen

Schau doch, wie wir alle treiben
in dem weiten Fluss der Zeit.
Jeder wird sein Büchlein schreiben,
dass gewisse Spuren bleiben
von dem wundersamen Kleid.

Gott alleine kennt die Strecke,
die ein jeder schwimmen wird.
Was kommt nach der nächsten Ecke?
Ob ich wohl die Liebe schmecke?
Wo werd' ich wohl hingeführt?

Wird der Fluss mich gar ertränken?
Bleibt die Welle still und seicht?
Wird sein Seegang meiner kränken?
Wird er mich zu Boden senken?
Ob er meine Haut durchweicht?

Oder bleibt das Fell mir dicke,
dass ich mutig, kämpfend bleib?
Schlägt die Zeit mir eine Brücke,
falls ich hilfesuchend blicke
und verlor'n im Wasser treib?

Reisst es mich ins Uferlose
bei dem nächsten Gegenwind?
Schon ergreift mich die Neurose.
Werde starr wie in Hypnose.
Schwimme dreimal so geschwind.

Doch der Herrgott flüstert leise:
"Halte die Gedanken zahm!
Schwimme so, wie ich dich weise.
Und vertraue deiner Reise,
weil ich deine Hände nahm ..."

(c) Bettina Lichtner

... flög' ich zu euch

Die Sehnsucht sitzt mir brütend
im Geist und reift heran.
Den Traume mein behütend,
trägt sie ihn ehrerbietend
ja stetig himmelan.

Der Traum schwert mir die Lider,
und hält das Herz mir fest:
ich wünschte mir Gefieder
und flöge immer wieder
so hoch sich 's fliegen lässt.

Ich flöge zu all denen,
die mir der Tode stahl.
Möcht' nach dem langen Sehnen,
den ungezählten Tränen
sie seh'n ..... ein letztes Mal.

Möcht' vierundzwanzig Stunden
an ihrer Seite sein.
Die Trauer wär' verschwunden,
hätt' ich sie erst gefunden,
all die Verstorbnen mein.

Die Arme tät ich legen
um sie, um sie zu spür'n.
Die Schmerzen würd' ich fegen
von all den letzten Wegen.
Ich würd 's so gern probier'n.

Dann stieg' ich wieder runter
ins irdisch warme Haus.
Pro Stufe würd' mich munter,
die Seele wäre bunter
g'rad wie ein Rosenstrauß.

Ich wüsste, zu den Seelen,
die Gott nach Hause trug,
und die mir ach so fehlen
(wie mich die Wunden quälen!),
wär 's nur ein kurzer Flug ...

(c) Bettina Lichtner