Dienstag, 31. März 2015

Pulskuss



Schweift, Ihr Blicke, übers junge
unberührte Frühlingsfeld,
wo die bunte Knospenzunge
küsst den Puls der schnellen Welt.

Freut Euch an den Zaubereien.
Es ist wirkliche Magie!
Lauter bunte Papageien
flattern in der Morgenfrüh'.

Seht, wie sie die Köpfe recken.
Eine Neugier treibt sie um.
Hummeln kommen, sie zu necken,
als ihr erstes Publikum.

Rotes, gelbes, violettes
Farbpendant zum himmelgrau.
Welch ein stilles, gar so nettes
Bild in dieser tristen Au.

Endlich bringt die Zeit uns wieder,
was dem Herzen Freude macht,
bringt die Kraft in müde Glieder
nach des Winters kalter Schlacht.

Auf, Ihr Blicke, sammelt eilig,
denn es währt das Spiel nicht lang.
Ich verspreche hoch und heilig,
kurz nur tönt der Lenzgesang ...



(c) Bettina Lichtner

Montag, 30. März 2015

Liebe auf Papier



Ein einsames Herz und ein leeres Papier,
die sitzen sich stumm gegenüber.
Es öffnet allmählich die Seele die Tür.
Schon setzt in noch scheuer, doch süßer Manier
die Liebe zum Blattufer über.

Dort wandert sie schweigend am schneeweißen Strand
und fischt in der Tinte nach Küssen,
doch zieht nur ertrunkene Träume an Land.
Die Angel der Sehnsucht liegt fest in der Hand
und möchte vom Traumtod nichts wissen.

Bald zappelt am Haken das lustvolle Wort,
und noch eins und wieder und wieder.
Schon kommt eine Feder und trägt sie hinfort,
die zappelnden Wörter, zum sicheren Ort,
und schreibt sie geordnet hernieder.

's sind lauter Gefühle, so wallend und frisch,
so flehend und säuselnd und schmachtend.
Ein wirres und brodelndes Silbengemisch
deckt reichlich und duftend den lieblichen Tisch,
gar jegliche Sattheit entmachtend.

Die Feder bringt Ordnung ins taumelnde Spiel
und schreibt alles Wirre ins Reine.
"Ein Herz zu erobern!" - so lautet ihr Ziel.
Sie kämpft sich beharrlich durchs Wörtergewühl
und gibt selbst den Scheuesten Beine.

Es füllt sich das Blatt und nimmt Form und Gestalt.
Die Liebe treibt farbigste Blüten.
Selbst zwischen den Zeilen erwächst sie schon bald,
hat Schreiber und Leser in sachter Gewalt,
doch will auch vor Fehltritten hüten ...

Das Tintenfass leer und die Blätter gefüllt -
das Wirre ins Schöne gebunden,
so malte die Feder ein kostbares Bild
allein für die Liebe und hat sie enthüllt,
und ließ sie ein Herztal umrunden.

Und landet schlussendlich genau mittendrin.
Gelohnt hat sich sämtliches Mühen.
Ein leeres Papier und ein Herz ohne Sinn,
die waren einander ein Seelengewinn
und brachten Verdorrtes zum Blühen ...




(c) Bettina Lichtner


Samstag, 28. März 2015

Mulmige Gefühle



Oh, du all verborgne Psyche!
Deine stillen bösen Flüche
sind ein rätselhafter Keim.
Gut versteckt und streng geheim.
Wehe denen, die ihn wecken!
Denen bringt er Angst und Schrecken ...

Bis zur Stirnfront kann man schauen,
doch dahinter, ach, da bauen
Phantasien der Gewalt
längst am Schicksal. Und schon bald
kommt die heile Welt ins Trudeln
und man sieht die Tränen sprudeln.

Und die dunkle Psyche waltet
wie der Teufel und gestaltet
eine Welt der Hölle gleich.
Ja fürwahr, ein Höllenreich
bahnt sich plötzlich seine Pfade
und vergrößert Härtegerade.

Es scheint kaum mehr zu ertragen,
dass dort solche Schatten lagen
in dem Menschen, der so brav
jede Bravheit übertraf.
Der so nett schien, so gediegen.
Wie uns doch die Augen trügen ...

Niemand weiß ums innre Wesen.
Niemand kann Gedanken lesen.
Niemand kennt des Teufels' Spiel.
Nur das mulmige Gefühl,
dass da was nicht stimmen könnte,
das beschleicht uns für Momente.

Bricht das Monster dann zutage,
bleibt "WARUM?" die stete Frage.
Und die Antwort macht sich rar.
Auf die psychische Gefahr,
die sich sicher angedeutet,
war man gar nicht vorbereitet ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 26. März 2015

Alles ist vorbestimmt



Zeigt das Schicksal seine Härte,
und der Tag wird dir zur Nacht,
und das Leid schlägt seine Gerte
dir mit nie gekannter Macht
in die Seele, dann sei stille,
denn es waltet Gottes Wille.

Nichts vermagst du dran zu ändern.
Vorbestimmt sind Raum und Zeit.
In den irdischen Gewändern
lauert auch die Ewigkeit.
Und wir müssen akzeptieren,
unser Dasein zu verlieren.

Manchmal reißt des Todes Stunde
jäh, brutal und unverhofft
eine gar so tiefe Wunde,
die nie heilen wird. Und oft
kommt der Tod wie ein Befreier,
wie ein liebender Getreuer ...

Ach, was kann man schon erahnen
von dem Ende, das uns blüht?
Ja, es wirft uns aus den Bahnen,
sei es spät oder verfrüht.
Doch es blüht uns! Wann auch immer.
Und es zerrt uns aus dem Zimmer ...

Alles liegt in unseren Händen,
nur der Tod ist Übermacht.
Er hängt längst an unsren Wänden,
und er lacht uns. Ja, er lacht ...
Lacht uns aus mit unsren Träumen,
lacht uns aus, wie wir uns bäumen,

und ihm zu entkommen suchen.
Und derweil wir Tag um Tag
Zeit- und Lebensreisen buchen,
spielt der Tod, wie er es mag.
Wo wir gehen oder stehen,
lässt sich der Gevatter sehen.

"Du? Schon hier?" Wir sind erschüttert,
wenn er an die Türe klopft.
Sind verzweifelt und verbittert,
und die Träne tropft und tropft,
dachten wir doch all' die Jahre
keinen Hauch lang an die Bahre ....


(c) Bettina Lichtner


Dienstag, 24. März 2015

wie du mir



'nem Schaf hat man das Fell geklaut.
Jetzt ist es Knochen nur und Haut,
und schämt sich in den Boden.
Es hat so traurig ausgeschaut,
wie 's da am grünen Halme kaut,
so gänzlich ohne Loden ...

Ein Rind der Rasse Galloway
fand 's Schafgejammer nicht okay:
"Es wird schon wieder wachsen!!
But all you have to do is pray,
and then your grief will go away ..."
Das Rind beliebt zu flachsen.

"Bin nicht zum Scherzen aufgelegt."
Das Schaf, das seine Trauer pflegt,
dreht prompt dem Rind den Rücken.
Es hat sich furchtbar aufgeregt,
weil 's Rindvieh wohl die Absicht hegt,
ihm Witz und Scherz zu schicken.

Das Galloway indes verharrt.
Das Schaf hat geradeaus gestarrt
und will vom Rind nichts wissen.
Das Galloway (im Wort nicht zart)
ruft laut hinaus: "ICH BIN BEHAART !!!
Ich könnt' mich selber küssen!!"

Das tat dem Schaf so richtig weh.
Es schwenkt herum mit einem Dreh
und schickt nun böse Blicke.
"Wenn ich in deine Augen seh',
ist es wohl besser, wenn ich geh'.",
sagt 's Rind. "Dein Blick birgt Tücke!"

Jetzt schnauft das Schaf, so wie ein Stier.
Sein Huf gräbt Furchen ins Revier
und seine Augen glühen.
"Ich warne dich! Geh weg von mir,
bevor ich die Geduld verlier'!"
Das Rind muss sich verziehen ...

Doch zieht 's nicht ohne einen Streich:
Es läuft stolzierend übern Deich
und schüttelt seine Haare.
Das Schaf wird bleicher noch als bleich.
Jetzt brennt die Luft im grünen Reich.
(Ich spar' mir Kommentare ...).

Da plötzlich steht die Fee im Tal
mit einer Schere und befahl
dem Galloway: "Knie nieder!!!"
Und schnipp und schnapp und noch einmal,
schon war das arme Rindvieh kahl.
Das Schaf: "Jetzt sind wir Brüder!!"

Und die Moral von dem Gedicht?
Verlache ja den andren nicht,
schlüpf' erst in seine Schuhe!
Das ändert meistens Sinn und Sicht,
und sorgt zudem ganz leis' und schlicht
für Frieden und für Ruhe ...



(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 19. März 2015

Der Schock



Ein Täuberich im Monat März
legt sein verliebtes kleines Herz
der Taubenfrau zu Krallen
(wohl, um ihr zu gefallen).
Das war dem Fräulein gar nicht recht
(sie stand aufs weibliche Geschlecht ...).

Der Täuberich, der glaubte nun,
es gäbe turtelnd viel zu tun,
die Maid zu überzeugen.
Die schwieg auf kahlen Zweigen,
und war genervt vom Balzgesang
(das zog sich manchmal stundenlang ...).

Sie schaute still dem Werben zu.
Es ließ der Herr ihr keine Ruh
und gurrte wie besessen.
Auf Eichen, in Zypressen,
und auch auf sonstigem Gehölz
umwarb er sie mit seinem Schmelz.

Er schwang die Flügel hin und her.
Sie hatte Angst. Er wollte mehr.
Ein Drama ging vonstatten.
Er wollte sie begatten,
sie floh nach hier und auch nach dort,
er folgte ihr und flog nicht fort.

"Ich möchte gar kein Kind von dir!
Ich bitte dich, lass ab von mir!!",
so schrie sie zu dem Grauen.
"Ich stehe nur auf Frauen!!!"
Da hat der Täuberich schockiert
so einen tiefen Schmerz gespürt.

Die Lesben-Taube lachte laut.
"Jetzt such' dir eine andre Braut.
Es gibt genug, die warten
in irgendeinem Garten,
auf irgendeinem andren Baum.
Was mich betrifft, heißt 's: AUS DER TRAUM."

Dem Täuberich sank 's Herz hinab,
als ob 's kein andres Glück mehr gab.
So hat er sich verkrochen,
und brauchte viele Wochen
um wieder auf die Balz zu gehn.
Man hat ihn niemals mehr gesehn ...



(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 17. März 2015

still & treu



Ein altes Haus. Zerklirrtes Glas.
Die Wände allsamt farbverschmiert.
Die Menschen fort. Der Schimmel saß
im Mauerwerk und fraß und fraß,
und hat an der Substanz gerührt.

Hier nimmt ein Unheil seinen Lauf.
Die Uhr tickt ohne Unterlass.
Es steht das Grundstück zum Verkauf.
Das kommt dem alten Haus darauf
so ganz und gar nicht gut zupass.

Es denkt zurück, sehr weit zurück.
Denkt an die leuchtend schöne Stund'.
Denkt an das groß- und kleine Glück,
den schweren und den leichten Blick,
und an den frohen Kindermund.

Denkt an die muntre Gästeschar,
das laute und das leise Wort,
an all die Feste übers Jahr ....
Und seufzt, weil 's gar so köstlich war.
Und weint, weil 's nun für immer fort.

Das Haus war treu. Die Menschen nicht.
Bei Tag und Nacht hat 's sie beschützt.
Dann kehrten sie ihm das Gesicht,
und dass es ihm das Herz zerbricht,
das hat ihm auch nicht mehr genützt.

Und wie es da so traurig stand,
da kam ein Mann und mustert 's sehr.
Er klopfte an die alte Wand,
und murmelte ein "allerhand ...",
und tat sich in Gedanken schwer.

Ein andrer Mann (mit Schlips und Frack)
trat nun hinzu. "Was sagen Sie?
Das Grundstück TOP. Das Haus ein Wrack.
Ich sag nur Abriss, und das Zack!!
Erspart viel Zeit und Geld und Müh'."

Jedoch, jedoch (das Häuschen bebt),
der Mann, der es gemustert hat,
sagt klipp und klar: "Das Haus hier lebt!
Ein Abriss wird nicht angestrebt.
Das Schmuckstück macht mir keiner platt."

So kriegt das Haus ein frisches Kleid.
Da blüht es auf, da strahlt es neu.
Nun wartet eine schöne Zeit
nach langer, langer Einsamkeit.
Und wieder dient es still und treu.



(c) Bettina Lichtner



Sonntag, 15. März 2015

Im Schwarz-Weißen



Ich schaue gebannt auf die Fotografie
aus uralten Zeiten und stelle mir vor,
ich wäre ein Teil dieser Bild-Szenerie.
Der Wunsch steigt mir stärker und stärker empor.

Schon hör' ich die Stimmen. Das Foto erwacht.
Ich träum' mich hinein in die schwarz-weiße Welt,
und schlüpfe ins Kleid eines Mädchens, das lacht
und glücklich ein Sträußlein aus Feldblumen hält.

Von fern naht die Kutsche, die Peitsche knallt laut.
Es duftet nach Brot aus dem Bäckergeschäft.
Ich hab' einer Magd auf die Finger geschaut.
Ein Hund sucht sein Herrchen und jault und kläfft.

Ich laufe zur Lene (die wohnt nebenan),
und lock' sie zum Spielen ins Freie hinaus.
Wir hüpfen und springen, so hoch man nur kann,
und schreien die Freude des Lebens heraus.

Der Karl kommt dazu und nachher noch der Paul.
Ich hab' meine Blumen dem Bettler geschenkt.
Da kommt auch die Kutsch' mit dem schwitzenden Gaul
und wird vorm Entladen zur Tränke gelenkt.

Schon ruft Opa Otto uns Kinder herbei.
Wir rennen, denn Otto hat Märchen parat.
So sitzen und lauschen wir stille bis drei
(der Otto ist wirklicher Wort-Akrobat).

Das Waschbrett schrubbt Wäsche durch Großmutters Hand.
Die Sense mäht Gras für das hungrige Vieh.
"WACH AUF!!", ruft mir wer und das schwarz-weiße Land
ist plötzlich nichts weiter als Fotografie ....



(c) Bettina Lichtner

Samstag, 14. März 2015

Wer weiß es schon ...



Da liegt das Kind, zwei Stunden alt.
Nicht Hass, Gemeinheit noch Gewalt
sind seines Herzens Regiment.
Doch, wer den Lauf des Lebens kennt,
derjenige vermag zu ahnen
(man möchte warnen, möchte mahnen),
dass diese Neugeburt vielleicht
ein bösartiger Geist beschleicht.

Wer weiß schon, wie der Hase läuft,
wenn uns die Stunde erst ergreift
und mit auf ihre Reise nimmt?
Es sei zwar alles vorbestimmt
und stünde alles schon geschrieben,
doch wenn sich dunkle Wolken schieben,
dann weht der Wind dir plötzlich rau,
und ach, dein Herz schlägt ungenau.

Dann wird dein sonniges Gemüt
vielleicht ja eins, des Zorn erblüht.
Vielleicht rutscht deine Hand dir aus,
du schreist ein böses Wort heraus,
und schlimmer noch: du neigst zum Morden.
"Was ist, oh Kind, aus dir geworden?",
fragt deine Mutter voller Scham,
die, welche dich einst schützend nahm.

Von Wut und Blutrausch übermannt
hast du dich von ihr abgewandt,
und kämpfst dich durch von Front zu Front.
Vom kindlich zarten Horizont
ist nichts und gar nichts mehr zu finden.
Die Mutter sucht es zu ergründen,
warum du dich, einst lieb und scheu,
nun unterwirfst der Tyrannei ...

Allein die Antwort bleibt ihr stumm.
Die Mutter blättert 's leise um -
das fliehende Kalenderblatt
und sieht sich nochmal daran satt,
als du ein kleiner Bub gewesen,
dem sie so gerne vorgelesen.
Der kleine Bub .... wo ist er nur?
Sie drehte gern zurück die Uhr ...

's geht ja nicht. Du wirst ihr fremd.
Sie wird von Tränen überschwemmt,
und träumt davon, du wärst das Kind,
das nochmal ganz von vorn beginnt,
des Zeit noch unbescholten schlüge
in seiner kleinen schönen Wiege,
mit nichts als Liebe überhäuft.
Wer weiß schon, wie der Hase läuft ...


(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 12. März 2015

Diese Frage



Frag' ich dich: "Wie geht es dir?",
prompt marschieren Diagnosen
und Symptome für und für
auf, um in geplagten Posen
sich höchstselber zu empfehlen,
und mir meine Zeit zu stehlen.

Deine kränkelnde Armee
nennt auch ohne meine Fragen
gleich ihr Au und auch ihr Weh,
und hört gar nicht auf zu klagen.
Ist 's ein Kampf ums Überleben,
oder ein "Sich-wichtig-geben"?

Gallenkolik, Nagelpilz,
Raucherlunge, Nierensteine,
Kopfschmerz, Hörsturz, kranke Milz,
Zahnbeschwerden, Rastlos-Beine,
grüner Star (vielleicht auch grauer),
Kälte- und auch Hitzeschauer,

Hexenschuss, dazu noch Gicht,
Rheuma, Darm- und Magenschmerzen,
ständig Kribbeln im Gesicht,
Rhythmusstörungen im Herzen,
auch der Atemzug wird schwächer,
und im Urologen-Becher

fand' der Doktor im Urin
Spuren, die das Schlimmste deuten.
Du, als Feldherr, gibst dich kühn:
"Sind doch alles Kleinigkeiten ..."
(.... die du aufbauschst, denk ich leise,
fehlen nur noch Pest und Läuse).

"Huch, die Zeit verging ja schnell",
sagst du noch, und musst dich sputen.
Fragst mich noch (wohl rein formell):
"Ist bei dir die Welt im Guten?"
Meine Antwort ging verloren,
denn du gabst dir plötzlich Sporen.

"Sorry, du, ich hab ein Date.
Schön, dass wir gesprochen haben.
Muss jetzt los! Schon ziemlich late."
Mein "Goodbye" hab' ich vergraben.
Fragen zum Gesundheitlichen
sind vom Protokoll gestrichen ...



(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 11. März 2015

Das Nest in mir



Einst schlug mein Herz wie wild für dich.
Ich trug ein Kleid aus Gänsehaut.
Und Schmetterlinge haben sich
im Bauch ein großes Nest gebaut.

Wenn ich in deinen Armen lag,
konnt' mir die Welt gestohlen sein.
An jedwedem Kalendertag
nahm mich die Liebe für sich ein.

Mir lief der Schauer, lief der Schweiß,
wenn deine Hand die Nacktheit griff.
Und plötzlich dieser Platzverweis,
den ich bis heute nicht begriff.

Dir war 's an Nähe wohl zu viel.
Dein Freiraum war durch mich bedroht.
Du hattest plötzlich das Gefühl,
es sei zuviel an Zuckerbrot.

Hast Angst gekriegt vorm Ich und Du.
Warst lieber wieder singulär.
Ein Schmetterling flog auf dich zu
und fragt, ob 's nun zu Ende wär'.

Und du sagst: "Ja." Ganz kurz und knapp.
Da starb er den Sekundentod,
der Schmetterling und stürzte ab,
was keinen schönen Anblick bot.

Jetzt liegt er da samt Gänsehaut,
samt Schweiß und Schauer und so fort.
Und in dem Nest, das er gebaut,
ruht jetzt dein kaltes Abschiedswort.




(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 10. März 2015

Der Stich



Ein junger Mann streift durch das Feld,
bis er vorm Gänseblümchen hält.
Er zupft es ab und rupft 's entzwei
und fragt sich insgeheim dabei:

"Ob sie mich liebt? Vielleicht, vielleicht ...
Vielleicht auch nicht ..." (Sein Teint erbleicht).
So fragt er fort bei jedem Blatt,
bis es ein einziges noch hat ...

Ein einziges steht schweigend da,
und deutet auf ein JA. Ein Ja ...
Der junge Mann wird kreislaufschwach.
Er eilt schnell zum nahen Bach

und wirft sich Wasser ins Gesicht.
"Sie liebt mich!! JA!!" Die Stimme bricht.
Der Ärmste weint, vor Glück gerührt,
derweil das Gänseblümchen friert.

Das kleine Blümchen in der Hand,
das eben noch so blühend stand,
es starb dahin fürs Ja und Nein,
und wollt' so gerne lebend sein.

Wen kümmert 's schon? Der Mann ist wirr.
Rennt durch das Feld als sei er irr.
Stürmt zu der ausgewählten Maid,
und fragt sie froh: "Bist du bereit???"

Sie sieht ihn an. Verdutzt, entsetzt,
weil er verrückte Dinge schwätzt,
und weiß nicht recht, was er nun will.
Drum bleibt sie lieber mäuschenstill,

bis sie den Balz-Gesang durchschaut:
er träumt von ihr als seine Braut,
nur weil ein Gänseblümchenblatt
ihm irgendwas orakelt hat.

"Du liebe Zeit. Sie wollen mich
gar ehelichen? NEIN." Ein Stich
direkt hinein ins Männerherz.
Er (weinerlich): "Ein NEIN? Kein Scherz???"

Sie schüttelt mit dem Kopf! Recht stur.
"Oh Gott, oh Gott .... was mach' ich nur?",
denkt sich der Mann. Sein Ego liegt
am Boden, weil es Haue kriegt.

Er geht zurück. Ins Feld. Allein.
Und möchte nicht gesehen sein.
Lässt allen Tränen freien Lauf
(das richtet ihm die Seele auf).

Das Gänseblümchen (jetzt Skelett)
kriegt nicht mal eine Ruhestätt'.
Es dorrt dahin im hohen Gras,
wo 's eben noch so fröhlich saß ....



(c) Bettina Lichtner


Montag, 9. März 2015

Unbekannte Zweite



Wie ich heiße? Schattenseite!
Schattenseite ist mein Name.
Ich erzähle Ihnen heute,
dass ich praktisch alle Leute
(ob 's der Herr ist, ob die Dame)
jeden Augenblick begleite.

Doch sie wollen mich nicht zeigen.
Und ich weile in Verstecken.
Wenn sie heucheln, muss ich schweigen.
Manchmal aber gibt es Zeugen,
die mich finden und entdecken,
wenn sie in die Seele steigen.

Und dann sind sie recht erschrocken.
Denn ich trage böse Züge.
Ständig muss ich andre schocken,
muss in finstren Ecken hocken,
bis ich meinen Freigang kriege.
Aber nicht, um zu frohlocken ...

Ich hab' tausende Gewänder:
Mörder, Dieb, Voyeur, Betrüger,
Tierquäler und Kinderschänder,
Geizkragen und Pfennigwender,
jähzorniger Ehe-Krieger -
alles das verbirgt der Blender.

Wer vermag mich schon zu finden?
Ihre Haut lügt wie Gedrucktes.
Innendrin, in tiefsten Gründen,
lauern meine ganzen Sünden.
Keiner ahnt es. Keinen juckt es.
Erst im Tod werd' ich verschwinden.

Ja, ich bin die Schattenseite
jedes Menschen dieser Erde.
Ich begleite ALLE Leute.
Ich, die unbekannte Zweite.
Wenn ich erst lebendig werde,
scheuch' ich Masken in die Weite.

All die Masken ...... Wenn sie fallen,
schlägt mir endlich meine Stunde.
Ich verberge mich in allen
noch so strahlenden Kristallen.
Satan ist mit mir im Bunde.
Ich verberge mich in allen ...


(c) Bettina Lichtner


Donnerstag, 5. März 2015

heute rosa, morgen?



Bis spät in die Nacht hat das Herz dran gefeilt,
hat Worte geschnitzt und Gefühle geteilt
in gar so bezaubernder Weise.
Dann hat sich Stunde besonders beeilt
(die sonst in belanglosen Dingen verweilt)
und schickte den Brief auf die Reise.

Bald hielt ihn die Liebste in zitternder Hand.
Ihr Puls ist im Wechsel gehüpft und gerannt,
und Glut füllte Seele und Wangen.
Der Brief spülte heimliche Träume an Land.
Und alles, was zwischen den Zeilen sich fand,
war sehnlichstes süßes Verlangen.

"Oh, Liebster", so säuselt der weibliche Mund,
"du tust mir so offen dein Inneres kund,
ich möchte vor Scham fast versinken.
Du malst mir die Liebe so herrlich und bunt,
als gäb 's keine Kanten im himmlischen Rund,
als gäben sich Küsse die Klinken.

Dein Brief möchte brennen, er liest sich so heiß.
Er hält mich gefangen und deutet mir leis'
wie sehr das Begehren doch lauert.
Es dreht sich das Wort mit der Wollust im Kreis.
Als gäb 's nur ein rosa. Kein schwarz und kein weiß.
Hat Rosa denn je überdauert?

Du malst eine Zukunft mit dir und mit mir,
und bittest mein Herz durch die wartende Tür,
am liebsten noch heute als morgen.
Im Brief stehen tausende Rosen Spalier.
Du gibst dich als freundlicher Wort-Kavalier,
bereit, mich verliebt zu umsorgen.

Du hältst um die Hand, die noch zögerlich ist.
Und weil du ein trefflicher Briefschreiber bist,
so will 's ich mir wohl überlegen.
Doch wenn du aus anderen Weibshänden frisst,
und schnell meinen Namen und alles vergisst,
dann gehst du dem Schnitter entgegen ...



(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 3. März 2015

Das alte Buch



Es atmet. Hörst du 's? Ja, es lebt ....
Bei Gott, ihm kehrt die Seele wieder!
Ich spüre, wie das Herz ihm bebt,
so wie auch mir. Und meine Lider
sind nicht mehr Herr der Tränenlage.
Die Freud'  tritt ungeniert zutage,

die Freude übers alte Buch,
das ich beim Antiquar erstanden.
Ich ziehe ihm das Zeitentuch
vom Leib' und lass den Jubel branden,
denn die jahrhundertalten Silben,
sie trotzten wacker dem Vergilben.

Die Augen wandern Wort für Wort
durch das, was längst vergessen ruhte.
Es treibt mich in Gedanken fort
zu dem, der die und die Minute
geschenkt hat, dieses Werk zu meistern,
des Zeilen nun aufs Neue geistern.

Was den Verfasser wohl bewog,
als er den Seiten Leben hauchte?
Was wohl durch seine Sinne zog,
als er sie in die Tinte tauchte,
die Feder, deren Schwung so sachte
das Innre zu Papiere brachte?

Es scheint mir so, als wär' er hier,
der Autor, mich durchs Buch zu führen.
Als spräche seine Stimme mir.
Als wollte mich sein Herz berühren.
Er lädt mich ein in seine Räume
der alten Zeit, auf dass ich träume.

Ich lass' mich ganz getragen sein
von diesen wohlgeformten Lettern.
"Geliebtes Buch! Du hüllst mich ein
in deine Zeit bei jedem Blättern.
Ich fühle deine Atemzüge,
als ob ich deine Kleider trüge ..."


(c) Bettina Lichtner

Montag, 2. März 2015

C-A-F-F-E-E



Die Kaffeebohne aus Peru
sieht ihren Artgenossen zu
und leidet stille Qualen.
"Kein Weg der Flucht. Gleich wirst auch du
zu feinem Staub gemahlen."

Die Angst ergreift das Böhnchen, und
noch eh es rinnt durch Mund und Schlund,
da spricht es ein paar Worte:
"Bald bin ich Teil vom halben Pfund
der besten Kaffeesorte.

Ich werde kochend aufgebrüht,
und wenn mein Duft durchs Zimmer zieht,
sorg' ich für Wohlbehagen.
Doch, dass mir das Zermalmen blüht,
ist eher ein Unbehagen.

Es ist mir gleichsam angedacht,
dass man aus mir den Schwarztrunk macht,
der müde Geister kitzelt,
dass gleich die Energie erwacht
und mit dem Leben witzelt.

Sobald der Tag zur Türe tritt,
werd' ich gleich zwischen Schritt und Tritt
in aller Hast getrunken.
Doch wenn ich zum Gebäckstück bitt',
dann bin ich zeitversunken.

Man trinkt mich stark, man trinkt mich schwach.
Ich mach' erschöpfte Menschen wach,
und bin wohl zur Vergnügung.
Das Mahlen und das Brühen, ach,
ist meines Schicksals Fügung.

Ich durft' ein Kaffeeböhnchen sein ...
Auf, Mahlwerk, mahl' ich pulverfein,
die Stunde ist gekommen."
Sprach 's aus und fiel ins Messer rein,
und ist drin umgekommen ...


(c) Bettina Lichtner