Montag, 13. April 2015

Trag uns weiter



Aus dem Kreißsaal gellt ein Schrei.
Der verblichne Ahnentross
eilet geisterhaft herbei
und begrüßt den neuen Spross.

"Seht doch nur! Wir leben fort!",
flüstern sie und sind berührt.
"Kind, du bist das Bindewort,
das uns all zusammenführt.

Unser Blut fließt wieder neu.
Unser Herz schlägt wieder frisch.
Und die Zeit liegt frank und frei
auf dem langen Ahnen-Tisch.

Alte Gene, neues Kleid.
Neue Schritte, alter Pfad.
Zukunft und Vergangenheit -
dies' verbündet sich hier g'rad.

Unsre Augen, unser Mund,
unsre Hände, unsre Haut
trägt der junge Ahnenspund,
der hier voller Neugier schaut.

Neugier, die auch uns ergreift.
Kind, du bist seit Ur-Ur-Zeit
allmählich herangereift,
nun steht DIR die Welt bereit.

Mach was draus! Die Zeit ist dein.
Möge das geerbte Gut
nützlich dir und wertvoll sein.
Möge Wag- und Edelmut

dir der Schlüssel sein zur Tür,
hinter der die Freude haust.
Lass' es friedlich sein in dir,
wenn dir vor dem Leben graust.

Trag' uns weiter, froh und stolz.
Mach' uns Ehre, liebes Kind.
Bist doch aus dem gleichen Holz,
wie 's die stolzen Ahnen sind ..."



(c) Bettina Lichtner


Samstag, 11. April 2015

Wenn die Orgel pfeift



Lieber Leierkastenmann,
dreh' noch einmal an dem Rädchen,
denn ich höre dir nur allzu gerne zu.
Wenn die Spule läuft, ach dann .....
dann erwacht in mir das Mädchen,
und ich tanz' vergnügt im alten Kinderschuh.

Der Moment der Nostalgie
wiegt mein Herz in seinen Klängen
und die Sorgen in der Seele fliegen fort.
Eine Stunde voll Magie!
Und die Welt mit ihren Zwängen
ist vergessen, denn die Freude führt das Wort.

Wie so wohlig ich mich fühl',
wie so leicht und so ergriffen
bei den Tönen, die die Straßenorgel spielt.
Und hat eben noch so kühl
mir der Sturm der Zeit gepfiffen,
hat auf einmal mich ein Lebensmut durchwühlt.

Und ich will nicht starr und stumm
nur im Finsteren verweilen,
will die Seelenfenster öffnen für das Licht,
für das schöne Drumherum,
das die Kraft hat, mich zu heilen,
wenn das Kartenhäuschen wieder mal zerbricht.

Die Musik hat eine Macht,
die auf wundersame Weise
mich verzaubert und auch ebenso beglückt.
Und nach jeder harten Schlacht,
jeder noch so schweren Reise
hat Musik, und nur Musik mir Trost geschickt.

Lieber Leierkastenmann,
hör' nicht auf, das Rad zu drehen.
Ich will nimmermehr zurück ins wilde Meer.
Will nur sein in deinem Bann,
will vom Rest der Welt nichts sehen,
will nur tanzen. Ach, was brauche ich noch mehr?



(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 9. April 2015

Eng ist der Pfad



Zwischen den Menschen sind Gräben und Mauern.
Weit- oder Hochsprung beherrschen wir nicht.
Nein, wir verharren und warten und kauern,
bis eine Welle am Schweigefels bricht.

Hochmut und Stolz sind die Feinde der Liebe.
Sie sind die Gräben und Mauern der Welt.
Wenn einer käm' und die Bösen vertriebe,
wäre es gut um die Menschheit bestellt.

Aber die Menschen sind blind für das Gute.
Täglicher Streit ist das Zeugnis dafür.
Nächtens und tags schlägt die blutige Rute
vor und besonders auch hinter der Tür.

Klein ist der Tropfen, das Fass zu zerstören.
Trüg man ein Messer, es brächte den Tod.
Möchte mich all dieser Tropfen erwehren,
die sich bedienen am friedlichen Brot.

Überall liegen verlorene Nerven.
Täter und Opfer. Ein täglicher Krieg.
Hochmut verhindert, den Ton zu entschärfen.
Stolz liebt die Macht, die Macht liebt den Sieg.

Höher und höher und tiefer und tiefer
wachsen die Mauern und Gräben der Zeit.
Ach, und der Segen hängt schiefer und schiefer.
Täter und Opfer. Und keiner verzeiht.

"Klügeres Herz! Gibst du nach, bist du weise!",
möchte man rufen, der Eintracht zulieb'.
Eng ist der friedliche Pfad, und die Schneise
jedweden Stolzes und Hochmuts ist trüb ...



(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 7. April 2015

Ohne Ziel und Richtung



So bist du, Tag, mir eine Frucht,
in die ich voller Freude beiße.
Ein Tag, in den ich voller Wucht
mich ohne Ziel und Richtung schmeiße.

Und haust vielleicht ein Wurm darin,
bestrebt, mir den Geschmack zu trüben,
so bleib' ich dennoch froh im Sinn,
und übe mich, den Wurm zu lieben.

Auch faule Stellen in der Stund'
vermögen nicht, mir je zu schaden.
Ich bleib' in Herz und Geist gesund,
ganz gleich, was mir die Stunden laden ...

Und schlägt des Schicksals Härte zu,
ich folg' in Demut Gottes Willen.
Nicht dies noch das stiehlt mir die Ruh'.
Ich lasse mich vom Tag erfüllen.

Und wenn die Welt zusammenbricht,
und auch die trauten Mauern fallen -
's ist Gottes Wort, das mahnend spricht
und dessen Silben widerhallen.

Wie könnt' ich jemals zweifelnd sein?
Ich nehm' den Tag mit allen Ecken,
mit Hürden und mit Stock und Stein,
und will darin den Sinn entdecken.

Es steht geschrieben, was passiert,
in Büchern, die wir nimmer lesen.
Gott ist 's, der unsre Stunde führt.
So ist es immer schon gewesen.

Ich nehm' die Tage als Geschenk.
Ich nehm' sie gar als Gottes Güte.
Nicht ein Sekündchen, da ich denk',
dass ich dem HERRN die Stirne biete.

Ich lass geschehen, was geschieht.
Es lebt sich leichter auf der Erde,
wenn man vorm Bitteren nicht flieht,
auf dass man endlich sehend werde ...



(c) Bettina Lichtner

Montag, 6. April 2015

Rückeroberung



Der Besen kehrt. Der Lappen wischt.
Das Haus ist wieder rein.
Doch wehe, wenn das Herz auftischt -
dann könnt' es saubrer sein.

Dann findet sich manch dunkler Fleck
und Staub - oft meterdick.
Und überall nur alter Dreck.
Und alles überm Glück ...

Das arme Glück. Ganz zugedeckt
mit Sorgen, Hass und Wut.
Mit Eifersucht und Gier befleckt -
da tät' ein Putztag gut.

Entrümpelung ist angesagt.
Es lohnt sich mittlerweil'.
Hinfort mit dem, was frisst und nagt.
Und Luft dem Seelenheil.

Das kleine Glück wird malträtiert
vom unbequemen Gast,
der es bedroht und drangsaliert,
wann immer es ihm passt.

Ein solcher Gast gehört verjagt.
Ja, ihm gehört der Dank
bis in die Ewigkeit versagt,
denn solch ein Gast macht krank.

Ob er sich Neid nennt oder Zorn,
ob Lug, ob Bitterkeit -
er ist ein giftgefüllter Dorn
und passt nicht in die Zeit.

Hinaus mit ihm. Es liegt an dir.
Nimm Putzzeug in die Hand
und mach' ihm Beine, heut und hier.
Dem Glück gehört das Land.


(c) Bettina Lichtner


Sonntag, 5. April 2015

Voller Liebelei



Oh, wie heiß das Herz mir brennt,
wenn der Frühling es entzündet.
Welch ein magischer Moment,
wenn sich Herz mit Herz verbindet ...

Welch ein Knistern allerorts.
Küsse werden Schmetterlinge.
Leidenschaft wird Herr des Worts,
wenn ich deinen Blick verschlinge.

Ich vergesse meinen Sinn.
Ich vergesse gute Sitten.
Geb' mich ganz der Stunde hin.
Niemand braucht mich drum zu bitten.

Wohlig kriecht 's mir durch den Leib.
Es tut gut, sich zu verlieben.
Nicht ein einz'ger Zeitvertreib
hat sich solchem Glück verschrieben!

Zauberei von März bis Mai!
Ach, wer wollt' den Frühling hassen?
Er ist voller Liebelei
und kann 's Turteln ja nicht lassen.

Wenn 's doch immer Frühling wär' ...
Doch er ebnet nur die Jahre,
bringt sich süßlich ins Gehör,
und zieht ein ins Unsichtbare.

Frühlingszeit um Frühlingszeit
hat sich so schon zugetragen.
"Lenz, du Kind der Ewigkeit,
mir bleibt nur, dir Dank zu sagen ..."




(c) Bettina Lichtner

Samstag, 4. April 2015

Dicke Brocken



Saß ein Straßenspatz inmitten
allen menschlichen Gewühls.
Zwischen schnell gehetzten Schritten,
und Sekunden, die entglitten,
war der Spatz ein Teil des Spiels.

Denn er reinigte die Steine,
wie 's ein Straßenfeger tut.
Speisereste, große, kleine,
dicke Brocken oder feine,
steigerten die Sammelwut.

Was die Menschen fallen ließen,
pickte er gleich fleißig auf,
sich die Stunde zu versüßen.
"Armer Spatz, du wirst es büßen!
Dein Gewicht geht flugs hinauf."

Er versperrte seine Ohren,
denn die Gier war gar zu groß.
Auch durchs stete Bauch-Rumoren
hat er nicht die Lust verloren,
und ließ nicht vom Fressen los.

Durch die vielen Kalorien
nahm der Spatz an Umfang zu.
Selbst das Fliegen machte Mühen.
"Spatz, dir wird was Böses blühen!!!"
Er darauf: "Lass mich in Ruh'!"

Und er fischte noch zwei Wochen
aus dem vollen Überfluss.
Dann hat er den Fluss erbrochen,
und ist jäh in See gestochen
mit dem Tod. Welch harter Schluss ...


(c) Bettina Lichtner


Freitag, 3. April 2015

Holz statt Fleisch



Wer ist 's, der da so flatternd sitzt
und nicht dem Fleck entrinnt?
Ein Enterich - aus Holz geschnitzt -
ist 's, der seit hundert Jahren schwitzt,
und nichts an Raum gewinnt ...

Es steckt sein holzgeformter Bauch
ganz fest auf einem Stab.
Zwar sind die Flügel in Gebrauch,
die Vorder- und die Rückfront auch,
jedoch ... er hebt nicht ab.

Denn Schrauben, Nägel, Leim und Co.,
die hindern ihn am Flug.
Der arme Kerl. Er müht sich so.
Schaut unbeirrt und gibt sich froh,
und hält sich wohl für klug.

Da kommt ein kleiner Bub daher
und schimpft die Ente dumm.
Er tritt nach ihr, da steht sie quer,
Tritt nach und schlägt und noch viel mehr -
da fällt die Ente um.

Ein Flügelchen ragt in die Höh',
der andre liegt im Dreck.
Das Tragikspiel lockt gleich ein Reh.
Es schreit entsetzt: "Oh jemine!!"
Da rennt der Knabe weg.

Das Reh - erfüllt von Mitgefühl -
stellt 's Entlein wieder hin.
Dem Holzgesellen bringt 's nicht viel,
denn es steht weiter auf dem Stiel
und flattert ohne Sinn,

und blickt dabei auf einen Teich
jahrein, jahraus, jahrein.
Das Holzvieh weint und lacht zugleich,
und fühlt sich plötzlich mehr als reich!
Was mag geschehen sein?

Das folgende: Ein Jägersmann
schoss aus dem nahen Wald
auf einen echten Entenmann,
des Tag just auf dem Teich begann,
bis dass die Büchse knallt'.

Der Enterich - aus Holz geschnitzt -
hat eiligst umgedacht.
Ihm ist ein Geistblitz aufgeblitzt,
denn weil er fest im Boden sitzt,
hat 's ihn nicht umgebracht!

Und bringt ihn mal ein Kind zu Fall,
und schlägt und tritt darauf,
was soll es schon? Vom Büchsenknall
und dem so jähen Sterbefall
steht keiner wieder auf.


(c) Bettina Lichtner