Sonntag, 28. Juni 2015

Gedicht von Julius Mosen



Ziehende Schwalben

Die Schwalben, alle Schwalben -
beim Hirten sind sie gern,
und wenn die Blätter falben,
ziehn sie wohl in die Fern';
So gern, so gern -
weit in die Fern'!

Zu jedem Lamme plaudern
sie noch ein heimlich Wort:
"Wir dürfen nicht mehr zaudern,
der Winter treibt uns fort,
von Ort zu Ort
uns fort, uns fort."

Der muntre Hirte singet:
"Seht ihr nach meinem Sinn
ein Mädchen, ja dem bringet
die schönsten Grüße hin,
nach meinem Sinn,
dahin, dahin!"

Die Schwalben ziehen munter
durch grauen Nebelstreif,
der Hirte still hinunter
im ersten Winterreif
und Nebelstreif
und Schnee und Reif.

Die Schwalben kehren wieder -
des Hirten froher Sinn,
des Hirten frohe Lieder,
wo ist das alles hin?
Und alles hin -
Dahin - dahin!



(c) Julius Mosen

Immer auf die anderen



Was nörgelst du an mir herum?
Ich weiß um meine Macken.
Halt lieber ein und bleibe stumm!
DEIN  Fehler-Sammelsurium
sollst du beim Schopfe packen.

Eh du den Nächsten kritisierst,
sollst du dich selbst befragen.
Statt dass du andere studierst
und Kragen gar und Kopf riskierst,
hast du genug zu tragen

an deinem mangelhaften Ich.
Auf andere zu schauen
ist wahrlich einfacher für dich,
doch lassen sich aus Hieb und Stich
nur selten Brücken bauen.

Was dir beim Nächsten nicht gefällt,
erzählst du gern ausführlich.
Doch deine eigne Schattenwelt
wird möglichst nicht ins Licht gestellt.
Wie bist du despektierlich ...

So suchst du nun tagaus, tagein
des andren Fleck zu finden,
lädst Schimpf und Schande zu dir ein,
doch sähest du in dich hinein:
du fändest lauter Sünden.



(c) Bettina Lichtner


"Richtet nicht, so werdet Ihr auch nicht gerichtet. Richten und über den Nächsten urteilen, kann erlaubt und unerlaubt sein. Obrigkeiten fällen mit Recht ein Urteil über den, der verklagt wird, der eine Übeltat begangen hat. Also auch die Eltern beurteilen mit Recht ihre Kinder, und Herrschaften ihres Gesindes Verhalten. Den Nächsten richten, sein Tun beurteilen, in seiner Gegenwart ihn vom Bösen abmahnen, die Gefahr vorstellen, seine Werke, Verfahren und Beginnen missbilligen, wenn es in Liebe und mit Bescheidenheit geschieht, ist ein Balsam und ein freundliches Schlagen eines wahren Freundes. Den Nächsten richten, in seiner Abwesenheit, ihn allerlei beschuldigen, ist unchristlich und verdammlich. Seele! Nimm dir diese Regel zur Lehre: rede von deinem abwesenden Nächsten also, als ob er dabei stände, und was du nicht getrauest von ihm zu sagen in seiner Gegenwart, das rede auch nicht in seiner Abwesenheit." (Johann Friedrich Starck)


Mittwoch, 24. Juni 2015

eingekehrt




"Ich bin gar nicht musikalisch"
ruft ein Fräulein hin zum Mann.
'Schade nur', denkt er satanisch,
'dass sie Trübsal blasen kann ...'

Weiter denkt er im Geheimen
an ihr Katzenjammer-Lied,
wenn bei ihr die Sorgen keimen
(was nur allzu oft geschieht).

"Denkst du etwas, das mir schadet?",
fragt das Fräulein, ahnend schon,
das sein Geist in Zweifeln badet
und eventuell in Hohn.

"Sag es nur, ich seh 's im Blicke,
dass du irgendwas verschweigst.
Fülle doch die Wissenslücke
mir, indem du Flagge zeigst."

Und der Mann? Soll er es wagen?
Soll er kundtun, was er denkt?
Soll er ihr ins Antlitz sagen,
was ihm in der Seele hängt?

Denn das Fräulein lässt nicht locker:
"Bin ich musikalisch? Sprich!!"
"Ja!", sagt er. Sie haut 's vom Hocker:
"Bitte korrigiere dich!"

Er erzählt vom Katzenjammer,
und vom Trübsalblasen auch.
Sie rennt zeternd in die Kammer
und hat blinde Wut im Bauch.

Baut sich dort wohl ein Orchester.
Bläst die Trübsal vorneweg.
Von Neujahr bis zu Silvester
trägt sie schwer an diesem Schreck.

Als sie sich gesammelt hatte,
war der trübe Jammer fort.
Und ihr ehrenwerter Gatte
lobte sie mit Dankeswort.

Ihre Einkehr hin nach Innen
öffnete des Glückes Tor.
Das so liebliche Besinnen,
war Musik in Gottes Ohr ...



(c) Bettina Lichtner


"Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm." (Psalm 98,1)

Dienstag, 23. Juni 2015

Gebet von Teresa von Avila



Gebet des älter werdenden Menschen

"O Herr, bewahre mich vor der Einbildung,
bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema
etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft,
die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich nachdenklich
(aber nicht grüblerisch),
hilfreich
(aber nicht diktatorisch)
zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser
Einzelheiten und verleihe mir Schwingen
zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten
und Beschwerden. Sie nehmen zu,
und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen,
mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören,
aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.
Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich,
an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,
und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen."


(Teresa von Avila)

Splitter & Balken




Wir schwelgen in Vergangenheiten
und graben alte Fehler wieder aus.
Dabei vergessen wir zu gerne:
auch wir sind nicht perfekt.

Wir servieren alte Geschichten
und decken den alten Tisch neu ein,
und merken während wir reden,
dass manches nicht mehr schmeckt.

Auf Tellern liegen alte Wunden,
und unsere Worte reißen dran herum.
Ein Schmerz zieht durch die Knochen,
der längst vergessen war.

Aus Krügen sprudeln alte Tränen
und mischen sich mit neuer Zeit.
Uns will der Appetit vergehen
und wir sind aufgewühlt.

Wir ziehen aus den finstren Ecken
das alte Weh ans Tageslicht.
Dabei vergessen wir zu gerne:
auch wir sind nicht perfekt .....


(c) Bettina Lichtner


"Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?" (Matthäus 7,3)

Freitag, 19. Juni 2015

Zufälligerweise




Es ist kein Zufall,

wenn zwei Herzen zueinander finden,
wenn Schutzengel ihres Amtes walten,
wenn Blumen den Weg zur Sonne finden,
wenn das Glück auf der Straße liegt,
wenn ein Fremder dir ein Lächeln schenkt,
wenn du zur rechten Zeit am rechten Ort bist,
wenn jemand dir zu Hilfe eilt, von dem du es nie dachtest,
wenn du ein Wort aufschnappst, dass dir wie eine Antwort erscheint,
wenn deine Träume dir Wege weisen,
wenn die Geste eines Menschen dir wie ein himmlischer Wink vorkommt,
wenn sich alles wie ein Puzzle zusammenfügt,
wenn du an jedem Morgen neu deine Augen öffnest,
wenn du an jedem Abend sagen kannst "Danke für diesen Tag.",
wenn du bist, wo und wie du bist,
wenn dir etwas spanisch vorkommt und doch Klarheit bringt,
wenn du mit deinem Latein am Ende bist und es doch weitergeht,
wenn Unmögliches möglich wird,
wenn Steine und Hürden im Nachhinein doch bereichernd waren ....

Es ist kein Zufall.
Es ist Gott.



"HERR, Gott Zebaoth, wer ist wie du? Mächtig bist du, HERR, und deine Treue ist um dich her."
(Psalm 89,9)



(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 18. Juni 2015

Gebet von St. Martin aus dem 4. Jahrhundert




Herr, segne meine Hände,
dass sie behutsam seien,
dass sie halten können, ohne zu Fesseln zu werden,
dass sie geben können ohne Berechnung,
dass ihnen innewohnt die Kraft zu trösten und zu segnen.
Herr, segne meine Hände!

Herr, segne meine Augen,
dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen, 
dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,
dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,
dass andere sich wohlfühlen können unter meinem Blick.
Herr, segne meine Augen!

Herr, segne meine Ohren,
dass sie deine Stimme zu erhaschen vermögen,
dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not,
dass sie verschlossen seien für Lärm und Geschwätz,
dass sie das Unbequeme nicht überhören.
Herr, segne meine Ohren!

Herr, segne meinen Mund,
dass er dich bezeuge,
dass nichts von ihm ausgehe, was verletzt und zerstört,
dass er heilende Worte spreche,
dass er Anvertrautes bewahre.
Herr, segne meinen Mund.

Herr, segne mein Herz,
dass es Wohnstatt sei deinem Geist,
dass es Wärme schenken und bergen kann,
dass es reich sei an Verzeihung,
dass es Leid und Freude teilen kann.
Herr, segne mein Herz!



(c) St. Martin

Überall Sonne




Wir sehnen uns so nach warmen Sonnenstrahlen,
wenn der Herbst mit seinen Stürmen peitscht,
und der Winter sich für Monate übers Land legt.
Dann vermissen wir den strahlend blauen Himmel
und schimpfen übers ewig graue Firmament,
das auf unsre Seele drückt.

Die Sonne dort oben, dieser heiße Feuerball,
ist uns wichtig, macht uns sorglos, lässt uns lächeln.
Im Urlaub reisen wir der Sonne hinterher.
Wir hängen dem Meteorologen an den Lippen,
und hoffen, er sagt uns sonnige Zeiten voraus,
dass unsre Seele sich wieder aufrichtet.

Wenn uns die Sonne scheint, blühen wir auf.
Wir legen uns ihr zu Füßen, uns zu bräunen,
zu entspannen, zu träumen, zu vergessen.
Die himmlische Sonne baut das Gemüt auf.
Wie Ausgehungerte scharen wir uns unter sie,
dass unsere Seele wieder baumeln lernt.

Doch die Sonne hat so viele andere Gesichter.
Sie trägt so viele andere Kleider.
Mal kleidet sie sich in ein nettes Wort.
Mal in einen wärmenden Blick.
Mal ist sie ein einfacher Händedruck,
dass unsere Seele nicht verzagt.

Oft steckt sie unvermutet in einem unverhofften Geschenk.
Oder sie strahlt uns entgegen aus einem anderen Herzen.
Wie oft ist sie das kleine Licht am Ende des Tunnels.
Sie scheint in der kleinen unbemerkten Blume.
Sie strahlt wie im Himmel so auf Erden,
dass unsere Seele nicht friert.



"Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe." (Johannes 12,46)



(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 17. Juni 2015

Leistet Widerstand



Die Welt ist übersät
von zerbrochenen rosaroten Brillen.
Ich habe die Scherben gesammelt und neu zusammengefügt,
und sah hindurch,
sah auf bunte Träume,
sah auf Liebesglück,
auf Gewinne, Gewinne, Gewinne.
Doch ach, nichts blieb für immer.

Das Rosarote hielten wir für das Paradies auf Erden.
Für beständig und ewig.
Wir klammerten uns fest
ans bunte Glück,
ans Süße, ans Süße, ans Süße.
Doch ach, es rann uns aus den Händen.

Träume zerbrachen an Zerwürfnissen.
Lieben zerbrachen an Streitigkeiten.
Die Gewinne zerrannen nach und nach ...
In uns baute sich die Wut ihr Nest
und brütete lauter zornige Kinder aus.
Wir hofften und hofften und hofften,
doch ach, so oft war das Hoffen vergebens.

Beherrscht von unserer bösen Zunge,
brachten wir die Paradiesblumen zum Welken.
Komplett in der Hand des Teufels,
haben wir der Liebe vor den Kopf gestoßen,
so dass sie sich leise zurückzog.
Wir weinten und weinten und weinten,
doch ach, kein Mensch sah unsere Tränen.

Als Gott uns erblickte in unserer inneren Not,
bot er uns sein Wort an,
hielt er uns sein täglich Brot hin,
reichte er uns seine gütige Hand.
Manche schlugen aus und litten weiter.
Andere schlugen in diese Hand ein
und lachten und lachten und lachten,
denn .... ach, sie waren zurück im Paradies.



"So seid Gott untertan. Widersteht dem Teufel,
so flieht er von euch." (Jakobus 4,7)



(c) Bettina Lichtner




Freitag, 12. Juni 2015

der eine und der andere




Da steht einer vorm Himmelstor,
und hat im Gepäck
drei Schlösser,
vier Villen in bester Lage,
goldene Wasserhähne,
Besteck aus feinstem Silber,
Kleider aus teuerster Seide,
eine Yacht im schönsten Hafen der Welt,
ein Auto, und noch ein Auto, und noch ein Auto und noch eins,
und Gott schüttelt sein weises Haupt.

Da holt der, der vorm Tore steht,
noch mehr hervor:
viele Truhen voll reinstem Gold,
Ländereien, so weit das Auge reicht,
Spendenquittungen, zum Beweis seines gutes Herzens,
denn er hat viel Geld an Arme gespendet,
ohne jemals einen Armen gesehen oder gesprochen zu haben,
und Gott schüttelt sein weises Haupt.

Da holt der, der vorm Tore steht,
noch mehr hervor:
Brillanten und Diamanten - lupenrein!
Ringe, Uhren, Diademe - alles von unermesslichem Wert.
Porzellangeschirr - von Hand bemalt.
Und seinen goldenen Käfig.
Doch Gott schüttelt sein weises Haupt.

Da kommt ein anderer daher und stellt sich vors Himmelstor.
Mit leeren Händen steht er da.
Kein Hab und Gut, kein Gold und Silber.
Steht da, einzig nur mit einem demütigen Herzen.
Seine Kleider tragen keine Markennamen.
Schmuck besitzt er nicht.
Sein Mund lächelt voller Dankbarkeit.
Und Gott lässt ihn herein.

Dieser eine, der so ärmlich schien,
war so voller Liebe sein Leben lang für Gott.
Materielle Versuchungen haben ihn angewidert.
Und der andere? Wollte er sich gar vom Tode freikaufen
mit all seinem Reichtum?
Hat er sich sein Leben lang etwa nicht vorbereitet
auf sein seliges Ende?
Nun steht er da und klammert sich ans Vergängliche.
Und darf es doch nicht mitnehmen ins Himmelreich.
Der andere aber, der so ärmlich schien,
nimmt sein überreiches Herz mit hinüber
und schwelgt im Glück.



"Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und das Geringe vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt, das, was nichts ist, damit er zunichte mache, was etwas ist, damit sich kein Mensch vor Gott rühme." (1. Korinther 1, 28-29)

(c) Bettina Lichtner

Donnerstag, 11. Juni 2015

Kehrt um!




Vom Glauben sind wir abgefallen.
Sind Suchende seither.
Wir suchen das Glück in Geld und Gut,
doch -
ist es eine nimmer endende Suche,
eine erfolglose Suche,
denn, es gibt kein Glück außerhalb unserer selbst.

Vom Glauben sind wir abgefallen.
Sind Verlorene seither.
Wir irren durch Städte und Länder,
doch -
es ist eine ewige Flucht,
ein schier tausendfach verzweigtes Labyrinth,
wir sind Schafe, die ihren Hirten vertrieben haben.

Vom Glauben sind wir abgefallen.
Sind Gierige seither.
Wir gieren nach Ruhm, Macht und Schönheit,
doch -
es sind lauter Scheinbilder, nach denen wir gieren,
all das ist vergänglich; wir betrügen nur unsere Sinne.
Wer aber giert noch nach dem Wort aus der heiligen Schrift?

Vom Glauben sind wir abgefallen.
Sind Ichbezogene seither.
Wir lieben uns mehr als den Nächsten.
doch -
wir sind alle auf derselben Straße, zur selben Zeit,
wir sind alle miteinander verbunden, voneinander abhängig.
Nichts kann von sich aus alleine existieren. A braucht B.

Vom Glauben sind wir abgefallen.
Sind Gefangene im eigenen Leib.
Das Äußere ist uns wichtiger als das Herz. Als das Herz ...,
doch
in diesem Herzen wohnt die Liebe.
Diese allumfassende göttliche Liebe.
Wir haben sie verloren, vergraben, vergessen. Diese Liebe.

Vom Glauben sind wir abgefallen.
Unsere Seelen sind krank geworden.
Die Wartezimmer der Mediziner werden voller und voller.
Die Kirchenbänke bleiben leer.
Dort aber, auf einer solchen Kirchenbank,
kannst du dem Wort Gottes lauschen,
der nur eines im Sinn hat:
deine Seele zu heilen.

"Jesus sprach: Kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken." (Matthäus 11,28)


(c) Bettina Lichtner

Montag, 8. Juni 2015

Dem Guten dienen



Sei wachsam, sei klug und sei weise
auf dieser so kostbaren Reise,
die Gott dir geschenkt,
die er selber auch lenkt,
und ziehe bedächtige Kreise,
ganz wachsam, ganz klug und ganz weise.

Sei achtsam bei all deinen Schritten.
Wie schnell kommt der Teufel geritten!
Der Fürst dieser Welt,
der vom Schönen nichts hält,
der will zum Dämonentanz bitten.
Drum: Vorsicht bei all deinen Schritten.

Sei freundlich und walte mit Liebe,
und pflege die hauchzarten Triebe
des Guten in dir.
Schlag' die gnädige Tür
gleich zu vor dem teuflischen Diebe,
und walte mit göttlicher Liebe.

Sei fromm und erbaue die Seelen,
die allsamt so schweigend sich quälen
und ratsuchend sind
wie ein hilfloses Kind,
dem Vater und Mütterlein fehlen.
Erbaue, erbaue die Seelen!!

Sei dienend den anderen Wesen.
Und bist du gar christlich belesen,
so schreite zur Tat,
wie 's der Herrgott erbat,
und diene in Demut den Wesen
und schwinge den liebenden Besen ...



(c) Bettina Lichtner

Montag, 1. Juni 2015

Moment von Wert




Sitzt ein Vogel auf der Brücke,
mustert mich, misstraut mir wohl,
bin ich doch in seinem Blicke
allenfalls ein Feindsymbol.

Möchte gern sein Herz gewinnen.
Bleibe stehen. Atme sacht.
Uns verbindet etwas. Innen.
Eine unbekannte Macht ...

Welch' ein heilsames Schweigen.
Wundersam. Er fliegt nicht fort.
Techtelmechtel ohne Zeugen.
Blindverständnis ohne Wort.

Er und ich von Gott geschaffen.
Er ist ich der Erde Gast.
Nie erhöbe ich die Waffen
(und belüde mich mit Last)

gegen gottgewollte Wesen,
sind wir allsamt doch ein Schatz.
Alles hat - so lässt sich lesen -
auf der Erde seinen Platz.

Und der Vogel fasst Vertrauen.
Denn er sieht, ich bin ihm gut.
Dass wir uns so friedlich schauen,
macht uns beide wohlgemut.

Der Moment bleibt unvergessen.
Und ich danke Gott dafür.
Der Moment hat Wert besessen,
und bleibt fest im Herzen mir.

Doch wie steht 's so schön geschrieben:
"Es hat alles seine Zeit."
Der Moment ist nicht geblieben.
Wehe dem, der Abschied scheut ...


(c) Bettina Lichtner