Montag, 19. Dezember 2016

Meins Deins Unser


Der Blick streift übers Winterfeld,
und bleibt beim Raben hängen,
der Brot in seinem Schnabel hält.
Als eine Krähe sich gesellt
- mit neidischen Gesängen -
hat er sich drohend aufgestellt.

Die Angriffslust der Krähe steigt.
Es lockt der Leckerbissen.
Der Rabe bauscht sein Flügelkleid
(was ihm gleich Dominanz verleiht)
und lässt die Krähe wissen:
"ICH BIN ZUM TEILEN NICHT BEREIT!"

Es wird gehüpft, erst sie, dann er,
die Grenzen zu erproben.
Das dauerte so ungefähr
ein Viertelstündchen, vielleicht mehr,
und hat die Macht verschoben.
Der Kampf ums Brot war hart und schwer.

Schon war die Krähe Chef im Ring,
gewillt haushoch zu siegen.
Der Rabe, der am Brotstück hing,
und halb erschöpft zu Boden ging,
ließ sich nicht unterkriegen.
Verlieren ist ein bittres Ding.

Die Krallen scharrten hier wie da
im frostig kalten Acker.
Die Krähe glaubte sich schon nah
an ihrem Ziel, doch was geschah?
Der Rabe schlug sich wacker,
was knapp beschrieben so aussah:

Er holte Luft, so drei-, viermal,
und flog mit seiner Beute
gen Himmel. Und im tiefen Tal
da saß die Krähe und litt Qual,
dass es den Raben reute.
War ihm die Hungrige egal?

Er kehrte um und brach das Brot
und gab 's der kleinen Krähe.
Was für ein Friedensangebot!
Da war die Vogelwelt im Lot.
Hoch oben in der Himmelshöhe
lobt Gott die Linderung der Not.


(c) Bettina Lichtner