Sonntag, 19. Februar 2017

Ein Gnadenfall


Der Wind hat leise nur gehaucht,
da fiel das Blatt im Schwebeflug
hinab und ist hineingetaucht
mit wehmütigem Atemzug
ins welke Meer
und ward nicht mehr ...

Im Frühling, ach, da sah ich 's nicht.
Und auch im Sommer blieb 's mir fremd.
Erst jetzt .... erst im Septemberlicht,
als es die Zeit vom Zweige kämmt,
bemerke ich,
was still entwich ...

Kein zweites Blatt, das jenem gleicht.
Was eben noch so rauschend klang,
hat aller Leben Ziel erreicht.
Ich folg' dem Fall sekundenlang.
Wie still es sinkt ...
Als ob es winkt.

Von rechts nach links, ganz sacht, ganz sacht.
Ein leiser Abschied von der Welt.
Es scheint, als gäb' der Herrgott Acht,
dass es recht sanft zu Boden fällt.
Kein harter Prall.
Ein Gnadenfall ...

Der Zweig indes schaut trauernd hin.
"Adieu, Adieu, geliebtes Blatt.
Du ahnst, dass ich bekümmert bin,
weil es mit uns ein Ende hat.
Es tut so weh.
Adieu, Adieu ..."

Sogar der starke Baum wurd' schwach
bei jedem Blatt, das er verlor.
"Ich wollt' euch halten, aber .... ach,
ich komme mir so hilflos vor!
Denn Gott bestimmt,
wen er mir nimmt ..."

Den Menschen, die so eilend sind,
ist dieses Herbstschauspiel egal.
Fürs Blätterwirbeln sind sie blind.
Und steht der Baum erst einmal kahl,
fliegt bald ihr Sinn
zur Weihnacht hin.

Nun liegt das Blatt im Freundeskreis,
und schaut dem Wolkentreiben zu.
"Ich bin wahrhaftiger Beweis
der unvermeidlich letzten Ruh'!
Was lebt, verdirbt.
Was atmet, stirbt."

Ich nehm' das Blatt in meine Hand
und trage es ins Haus hinein,
wo es gepresst im Bücherband
nun ewig soll behütet sein,
und hab' gedacht:
"Mir scheint, es lacht ..."


(c) Bettina Lichtner

Samstag, 18. Februar 2017

Dienstag, 14. Februar 2017

Ein gutes Geschäft


Erde zu Erde und Plastik zu Plastik.
Selbst auf dem Friedhof wird gründlich getrennt.
Halbvolle Kerzen verschwinden recht hastig,
eh noch ihr Docht bis zur Neige verbrennt.

Galt einst die Flamme dem Liebsten zum Gruße,
liegt die Umhüllung bald selber im Grab;
folgte dem Leichnam mit eilendem Fuße,
kaum dass sie schweigend ihr Stelldichein gab.

Flackernd in hellen und finsteren Stunden,
diente die Flamme zum Trost in der Not.
Trug doch so tapfer die Tränen und Wunden;
trotzte so wärmend dem eisigen Tod.

Konnte die Seele von oben wohl sehen,
dass diese Flamme ihr Grabwächter war?
Reichte der Schein in die himmlischen Höhen?
Nahmen die Sterne den Flammentanz wahr?

Während die Toten und Lebenden schlafen,
reckt sich die Flamme mit kämpfender Kraft.
Weil aber Regen und Sturmwind sie trafen,
ist sie bald selber zu Tode erschlafft.

Nichts will mehr helfen. Der Docht ist hinüber.
Ohne ein Dank fliegt die Kerze zum Müll.
Lauter Erloschene, drunter und drüber,
liegen vergessen und traurig und still.

Welch ein Konsum neben ewiger Ruhe.
Wahrlich, der Tod ist gutes Geschäft.
Ach wie so sinnlos ist dieses Getue,
welches nur blüht, weil es jedermann äfft.


(c) Bettina Lichtner