Donnerstag, 2. März 2017

Lupengroß



Mein Spiegelbild, das lügt mich an!
Es zeigt mir graue Haare!!
Und alles, was ich sehen kann,
sind fortgeschritt'ne Jahre!
Doch aber ach, das kann nicht sein!
Es schleichen sich Bedenken ein.

"Mein Spieglein, sag', was machst du nur?
Du breitest Angst und Schrecken!
Du drehst so eilig an der Uhr,
das will mir gar nicht schmecken!
Die Jugendzeit, die stiehlst du mir
und gibst das Alter mir dafür?!?!

Ein schlechter Tausch! Gib mir zurück,
was eben noch das meine:
die straffe Haut, den wachen Blick,
die bohnenschlanken Beine!
Wen zeigst du mir? Das bin ich nicht.
Was wirfst du plötzlich für ein Licht?

Warum bist du so schonungslos?
Ich möchte dich zerschlagen!
Auf einmal seh' ich lupengroß
- und kann es kaum ertragen -,
die Spuren einer neuen Zeit,
und misse die Vergangenheit.

Umspielen Falten meinen Mund?
Wen spiegelst du mir wider?
Du tust mir eine Lüge kund.
Ich risse dich gern nieder.
Ich hadere, derweil du schweigst
und mir ein fremdes Abbild zeigst.

Wo ist es hin, das kleine Kind,
das ich noch g'rad' gewesen?
Wie schnell die Zeit an Fahrt gewinnt ...
Sie kehrt mit ihrem Besen
die Kindertage gründlich fort.
Ganz leise, ohne Abschiedswort.

Mein Spieglein, ach, du tust mir leid.
Musst nun mein Fluchen hören!
Mit heiliger Gelassenheit
und ohne dich zu wehren,
erduldest du den Alterszwist.
Bewundernswert, wie still du bist.

Verzeih' die Schelte in Vers ein,
da ich dich Lügner nannte.
Du bist so gut und unsereins,
der sich in Wut verrannte,
wünscht sich zurück, was längst vorbei,
und bricht sich selbst das Herz entzwei.

Du zeigst mich grau. Du zeigst mich alt,
und faltig und so weiter.
Und bist, auch wenn es böse schallt,
doch treuester Begleiter.
So ehrlich ist doch nur ein Freund,
der 's wirklich gut mit einem meint."


(c) Bettina Lichtner