Freitag, 30. Juni 2017

Die faule Rebe



Es spricht der Futter-Egoist:
"Ich teile nicht, was meines ist.
Ich gebe keinem etwas ab,
auch wenn ich mehr als mehr noch hab'!"
Und labt sich schmatzend an Genüssen,
ganz ohne Zweifel im Gewissen.

Ob jemand hungrig rüberschaut
und nur ein Reiskörnlein verdaut,
dem Egoisten ist 's egal.
Sein täglich' Trunk und üppig' Mahl
sind ihm ein tägliches Vergnügen.
Da spricht ihm Gott, sein Tun zu rügen:

"Ich schuf den Mensch' mir selber gleich,
ich schuf ihn arm, ich schuf ihn reich,
ich schuf ihn mit dem Nächstenblick
und nicht allein fürs eigne Glück.
Und wer nur nimmt anstatt zu geben,
der zählt zu meinen faulen Reben!

Wer nur sich selbst inmitten stellt,
und nur sich selbst für wichtig hält,
und vor der Armut sich verschließt,
und nur sich selbst die Zeit versüßt,
wo andre nichts als gar nichts beißen,
kann nimmer Kind des Höchsten heißen!

Vorm vollen Teller sitzt die Gier!
Das Ich erhebt sich übers Wir,
ergötzt sich an der Schlemmerei,
und alles sonst ist einerlei.
Der Geifer läuft ihm aus der Schnauze,
und aufgebläht ist seine Plauze.

Und stünden Hungrige im Raum,
er hielt' sein Mitgefühl im Zaum,
er käme nicht auf die Idee,
mit Bratstück, Süppchen und Soufflee
aus vollem Herzen und mit Freuden
die zu erfreu'n, die Hunger leiden.

Erst, wenn sein eigner Magen klagt,
weil er am Hungertuche nagt,
erst, wenn er selber nichts mehr hat,
wenn es ihm fremd ist, dieses "satt",
und ihn die Schuh des Hungers drücken,
wird es den Blick ins Rechte rücken.

Dann wird ihm plötzlich sonnenklar,
wie egoistisch er doch war,
als er vom Teller hob und hob,
statt dass er ihn zum andren schob.
Wer weiß, vielleicht hat er schon morgen
die jetzt verdrängten Hungersorgen!?"


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 28. Juni 2017

Des einen Freud ...



Ein dunkler Vorhang. Kein Applaus.
Der Regen strömt in starken Güssen.
Der Wasserscheue rennt ins Haus,
und legt sein Haupt aufs trockne Kissen.

Doch Baum und Strauch und Edelweiß
ersehnten längst die Himmelsfluten,
denn ihnen war es viel zu heiß
in ungewohnten Sommergluten.

Ein jeder Tropfen Leben pur.
Die Wurzeln trinken mit Vergnügen!
Es geht ein Aaah durch die Natur.
Man möchte Lust auf Regen kriegen ...

Stattdessen aber Schimpf aufs Nass,
und ein Gefluche übers Wetter.
Von oben schüttet wer ein Fass,
und unten Hass auf Regengötter.

Das Blümlein da am Straßenrand,
ehrt jeden Tropfen schweigsam lächelnd.
Der Mensch nimmt 's Schuhzeug in die Hand
und sucht die Flucht, nach Atem hechelnd.

Ein Vogel nippt vom Pfützensee,
ein andrer nimmt ein Bad im Freien.
Welch Schatz verbirgt die Himmelshöh'!
Die Flora freut 's. Die Menschen schreien ...


(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 27. Juni 2017

beherzt geherzt



Ein Schnecklein - scheinbar sehgeschwächt -
verliebt sich in 'nen Löwenzahn.
Verbindungstechnisch wahrlich schlecht,
doch 's Schnecklein scheint im Liebeswahn.

Das Herz in Flammen, wirr der Sinn,
so nimmt es allen Wagemut
und kriecht bis hoch zur Blüte hin,
getrieben nur vom Siedeblut.

Das Ziel erreicht, wird gleich geküsst,
geherzt, gedrückt und vieles mehr.
Dem Löwenzahn, der schweigend ist,
indes ist dieses Tier zu schwer.

Am liebsten würd' er, wenn er könnt'
sich schütteln, bis das Schnecklein fällt,
das sich betört an ihm verbrennt
und eisern sich am Haupte hält.

Da staunt sogar der Schmetterling,
ob dieses Spiels, das er da sieht:
"Die Liebe ist ein komisch' Ding,
das heute grüßt und morgen flieht ..."

Sprach 's aus, flog fort und lacht sich schlapp.
Das Schnecklein gibt sich unberührt,
und ruft ihm kurz gefasst und knapp
noch nach, dass Neid ins Unglück führt.

Der Löwenzahn, der schweigt und schweigt,
derweil das Schnecklein ihn umschlingt,
und ihn ganz unsittlich besteigt,
und ihn in Wut und Rage bringt.

"Was mach' ich nur? Was mach' ich nur?"
Der Löwenzahn sucht weisen Rat.
Ein kurzer Blick zur Himmelsuhr,
dann schreitet er beherzt zur Tat.

Den Kelch geöffnet, fliegt die Spreu
vom Wind gepustet in die Welt.
Vom Schnecklein hört man einen Schrei,
eh es auf harten Boden fällt.

Es kriecht davon, die Nase voll
vom Wind und Spreu und sowieso.
Das kommt davon! Zu liebestoll!
Der Löwenzahn schweigt still und froh.


(c) Bettina Lichtner