Mittwoch, 19. Juli 2017

fortissimo


In der Früh' kriecht stimmungsschwankend
zwischen Schlaf und Wachheit wankend
irgendwo ein irgendwer
aus dem Bett, die Lider schwer.

"Hat die Uhr schon sechs geschlagen?",
hört man jenen mürrisch fragen.
Taumelnd geht der erste Schritt,
und die Müdigkeit geht mit.

Leises Fluchen. Lautes Gähnen.
Sich ans helle Licht gewöhnen.
Kaffee, Zeitung, Käsebrot.
Halbwegs scheint die Welt im Lot.

Langsam kehrt das Leben wieder
in die trägen Körperglieder.
Draußen sucht der Sonnenschein
irgendwen zum Stelldichein.

Circa eine Stunde später
lächelt unser Miesepeter.
Keine Spur von Gries und Gram.
Er ist umgänglich und zahm.

Und den eben ach so Müden
sieht man plötzlich Pläne schmieden
für den lieben langen Tag,
der ihm nun zu Füßen lag.

Wie nur all die Zeit vertreiben?
In die Ferne? Oder bleiben?
Fahrt ins Blaue? Stadt? Land? Fluss?
Auto? Flugzeug? Zugfahrt? Bus?

Ach, die vielen Möglichkeiten
wollen Kopfschmerzen bereiten.
Und er sehnt fortissimo
sich zurück in sein Büro.

Wie geregelt war sein Leben!
Jeder Schritt war vorgegeben.
Auf die Uhrzeit war Verlass.
Alles super und jetzt das ...

Plötzlich muss er Tage, Jahre
füllen, planen bis zur Bahre.
Denn er ist jetzt Pensionär,
unser müder Irgendwer ...


(c) Bettina Lichtner

Samstag, 15. Juli 2017

Hautunverträglichkeit


Mein schwarzer Teint ist dir ein Dorn.
Du sprichst zu mir in wildem Zorn
und gibst dich überlegen.
Dein Wort prescht aggressiv nach vorn.
Und mächtig bläst die Wut das Horn,
mich aus der Welt zu fegen ...

Du fühlst dich stark, denn du bist weiß.
Das Gestrige dreht sich im Kreis
mit schändlichen Parolen.
Du drängst mich auf das Abstellgleis.
Ich zahle einen hohen Preis:
mir wird das Herz gestohlen.

Was ist in dieser Welt passiert?
Das Fremde wird diskriminiert
und nirgendwo geduldet.
Das Feuer wird mit Hass geschürt,
bis es zu Flächenbränden führt,
und sich haushoch verschuldet.

Die Freiheit, die mir so vertraut,
hat mich misstrauisch angeschaut
und treibt mich in die Enge.
Allein die Farbe meiner Haut
hat mir den Weg zu ihr verbaut,
in Breite wie in Länge.

Verstehe dieses, wer da kann ....
Ich kam auf dieser Erde an
als mündig freies Wesen.
Doch ewig zieht den weißen Mann
das Fremdartige in den Bann -
zuallermeist im Bösen.

Ich tauschte gerne meine Schuh'
mit dir und wäre frei wie du.
Und du? Im Schwarz gefangen!
Dann sähe ich dir gerne zu,
wenn Tag und Nacht und ohne Ruh'
die Feinde nach dir langen.

Vor kurzem sah ich ein Klavier.
Da reihten sich in stiller Zier
die schwarz- und weißen Tasten,
und spielten schönste Weisen mir
mit dem harmonischem Gespür,
die Seele zu entlasten.

Auf dem Piano - kein Problem.
Schwarz-Weiß sind sich nicht unbequem!
Das Lied schweißt sie zusammen.
Dir ist mein Hautbild nicht genehm,
drum wirfst du heut' wie ehedem
auch weiterhin mit Flammen.

"Man sieht nur mit dem Herzen gut!"
Ach, weißer Mann, hab' doch den Mut,
mir deine Hand zu geben!
Es eint uns doch das rote Blut.
Ist es denn nicht das höchste Gut,
friedlich vereint zu leben?


(c) Bettina Lichtner


Freitag, 14. Juli 2017

Jede Stimme zählt



Mein erster Schrei. Die Welt in Trümmern.
Doch davon ahne ich noch nichts.
Ich blühe in zerbombten Zimmer,
wo sie mich hüten und sich kümmern,
und freue mich des Sonnenlichts.

Die düstren Wolken, die sich schieben
vor dieses warme Element,
bemerk' ich nicht. Ich möchte lieben!
Nichts kann mein Kinderglück betrüben,
das Träume nur und Freude kennt.

Kanonen schießen gegen Wände
und reißen Löcher, fenstergroß.
Und mich umschließen Mutterhände.
Und meine Kindheit geht zu Ende
mit Flammen, Angst und Donnerstoß.

Das Herz wird schwer. Wir müssen fliehen.
's gibt keine Antwort aufs Warum.
Wir müssen in die Fremde ziehen.
Es folgen ungeahnte Mühen,
und meine Stimme gibt sich stumm.

Bei Nacht und Nebel und mit Eile
bricht meine kleine Welt entzwei.
Nach einer ellenlangen Weile,
nach Meile, Meile, Meile, Meile,
bin ich gerettet, doch nicht frei.

In meiner Seele spür' ich Ketten,
die schnüren mir das kleine Herz.
Ach, wenn wir doch nur Frieden hätten ...
Nun soll ich meinen Körper betten
im fremden Land. Ich fühle Schmerz.

Mit knapper Not dem Feind entronnen,
doch fern der Heimat ungewollt.
So hat die neue Zeit begonnen.
Von denen, die sich glücklich sonnen,
hat keiner uns Respekt gezollt.

Ich träumte nachts von einer Bühne,
auf der ich stand, im Rampenlicht,
wo ich mit ernster Kindermiene
von Hoffnung sprach und auch von Sühne,
und dass kein Krieg mich je zerbricht.

Die Stimme hat Gehör gefunden.
Man jubelte. Es gab Applaus.
Der salbte meine Seelenwunden.
Nun war ich freudig eingebunden
ins fremde neue Gästehaus.

Doch nach der Nacht? Geplatzte Träume.
Die Stimme tastet heimatlos
durch fremde neue Gästeräume
der kargen, kalten Flüchtlingsheime,
und kämpft mit einem Tränenkloß.

Wie reich, wie reich kann der sich schätzen,
des Stimme eine Heimat hat,
die weit entfernt von Kriegsschauplätzen
erblühen darf mit freien Sätzen!
Ich lebte nie in solcher Stadt ...


(c) Bettina Lichtner


Mittwoch, 12. Juli 2017

Ein kleines Wunder



Drüben an der Haltestelle
sitzt ein Mann mit sich allein.
Da kommt eine Mademoiselle,
lullt ihn mit 'nem Lächeln ein,
dass sein Herz ihm wilde pocht,
und das Blut ihm brodelnd kocht.

Und sie schaut mit süßen Blicken;
schlägt gekonnt ihr Augenlid.
"Warum woll'n se mir entzücken?",
fragt er rasch. Und was geschieht?
Unversehens dreht der Wind,
und sie wird ein Teufelskind.

"Haste wat? Ick und entzücken?
Bild' dir bloß nix ein, mein Freund!"
Und sie buckelt ihren Rücken
wie die Hexe, und es scheint,
dass sie Böses bei sich denkt,
denn der Mann hat sie gekränkt.

Ihre Augen, schmal wie Schlitze,
deuten einen Angriff an.
Wie ein Speer die Zungenspitze ...
Nun verflüchtigt sich der Mann.
Und sie folgt ihm wie im Wahn.
Da verpassen sie die Bahn ...

Und der Mann rennt schnelle Schritte.
Und die Hexe hintendrein.
Und der Mann ruft eine Bitte:
"Lassen Sie das Folgen sein!"
Doch sie denkt ja nicht daran.
Und da fürchtet sich der Mann.

"Hilfe!", ruft er. Immer wieder.
Und die Schaulust gafft und gafft.
Und die Frau wird rüd- und rüder,
bis sie seinen Kniefall schafft.
Und er kniet wie zum Gebet,
während sie daneben steht.

Da passiert ein kleines Wunder,
denn die Hexe kniet wie er.
Amor gibt den Pfeilen Zunder
und verschafft sich rasch Gehör.
"Ick? Entzücken? Janz jenau ...",
haucht die kniebeugende Frau.

Und der Mann drückt auf die Schnelle
einen Kuss auf ihren Mund.
Wieder an der Haltestelle,
fragt er um den Ehebund.
Und noch eh er sich versah,
sprach sie ein entzücktes JA ....



(c) Bettina Lichtner

Dienstag, 11. Juli 2017

Volle Kassen


Im Himmel gibt es lauter Kassen,
da stehen wir dann alle an.
Man wird uns namentlich erfassen,
die Zeit Revue passieren lassen
samt dem erlebten Drum & Dran.

Man listet unsre guten Werke
und nebenan die Schlechtigkeit.
Und an den Rändern sind Vermerke
von jeder Schwäche, jeder Stärke,
von Glück und Unglück, Freud' und Leid.

Das fördert mancherlei zutage,
was wir auf Erden gern verdrängt.
Da liegt dann auf der Gotteswaage
die dunkle Seite. Unsre Plage.
Wir werden in die Knie gezwängt ...

Zwar nahmen wir die Heimlichkeiten
beim Tode mit ins kühle Grab,
doch oben in den Ewigkeiten,
da stochern sie in alten Zeiten
mit ihrem Wünschelrutenstab.

Sie finden die versteckten Sünden!
Im Himmel sind sie längst bekannt.
Auch all die Lügen wird man finden
beim Suchen in den finstren Gründen.
So füllt der Korb sich bis zum Rand ...

Sind wir zum Nächsten hart gewesen?
Hat Stolz das Herz zum Stein gemacht?
In Gottes Büchlein lässt sich 's lesen.
Im Himmel kehrt ein strenger Besen
zusammen, was wir so bewacht.

Die Eifersucht und ihre Szenen,
die Wut, der Hass, in Wort und Tat ...
Die Wahrheit wird uns nicht verwöhnen!
Wir werden jammern, klagen, stöhnen
bei all dem offenen Verrat.

Der Himmel leert uns das Gewissen!
Wir stehen voller Angst und Scham,
weil wir für alles büßen müssen.
Wir fühlen uns vollends besch...
nach allem, was zur Sprache kam.

Wir zahlen Tränen voller Reue,
wenn Gottes Engel abkassiert.
Und wir sind alle an der Reihe!
Bekannt ist ja des Todes Treue.
Wohl dem, des Zeit die Liebe führt.


(c) Bettina Lichtner



Montag, 10. Juli 2017

Eingekreist


Bin eingekreist. Von allen Stunden.
Als schnappte gleich die Falle zu.
Bin in Terminen eingebunden,
und meine Seele ist verschwunden.
Sie sucht vergeblich ihre Ruh' ..

Da sehe ich des Nachbars Köter
sich suhlen in Gelassenheit.
Nicht mal das kindliche Gezeter
beeindruckt diesen Schwerenöter.
Nichts reißt ihn aus der Schläfrigkeit.

Beneidenswertes, reiches Wesen!
Ich wünschte mir, ich wäre Hund.
Ich würd' verschlingend Bücher lesen,
mich aus diversen Ketten lösen,
denn Ketten sind so ungesund.

Ich schau ihm zu, dem allzeit Treuen.
Sein Atem ist so flach, ganz flach.
Da kommt ein Kind, ihn anzuschreien
und Sandkörner ins Ohr zu streuen -
da wird das Tier erschrocken wach.

Des Mutters Schelte hat gesessen!
Der Hund versteht die Sprache nicht.
Das Kind entschuldigt sich indessen
für jenes, was es ausgefressen,
und macht ein schuldiges Gesicht.

Der Hund aber hat sich geschüttelt,
bis dass der Sand zu Boden fiel.
Dann hat er noch ganz unvermittelt
dreimal gebellt, am Korb gerüttelt,
und sich ergötzt am Stöckchenspiel.

Schlussendlich fand der Stressgeplagte
dann wieder zur Gelassenheit,
weshalb er jedes Spiel vertagte,
sogar der Streichelei entsagte
aufgrund enormer Müdigkeit.

Derweil mich selbst die Pflichten jagen!
Wer fragt mich schon nach meiner Kraft?
Wen kümmert schon mein Jammerklagen?
Ach, könnte mir der Hund doch sagen,
wie man sich Ruhezeiten schafft ...


(c) Bettina Lichtner

Freitag, 7. Juli 2017

Explosiv


Wasserwerfer patrouillieren,
sich zur Not zu duellieren
mit vermummten Demonstranten,
und dem lauten, sogenannten
Mob, der die Randale liebt
und sich wenig friedlich gibt.

Steine gegen Ordnungshüter.
Wütend schreiende Gemüter
gehen auf die Barrikaden,
Aggressionen zu entladen.
Flaschen bersten ohne Zahl.
Keine Macht dem Kapital !

Kriegerisch verzerrte Mienen,
die nur Kopfschütteln verdienen.
Explosive Drohgebärden,
die zu Straßenschlachten werden.
Glaubt Ihr, dass es besser wird,
wenn der Flaschenregen klirrt?

Dieser randvoll aufgestaute
und so plötzlich aufgetaute
Hass auf alle Obrigkeiten
unter den Gewaltbereiten
lässt mich schaudern, macht mich still,
weil ich 's nicht begreifen will.

Kann man denn nicht protestieren,
ohne Nerven zu verlieren?
Ihr schreit lauthals gegen Kriege,
und seid selbst die Heeresriege,
die das Schwert in Händen hält,
was euch scheinbar gut gefällt.

Ihr verwüstet und ihr spaltet.
Und am nächsten Morgen waltet
brav der arme Straßenkehrer
seines Amtes, denn ihr Störer
habt nur Müll und Dreck gemacht.
Armselige Straßenschlacht ...


(c) Bettina Lichtner

Mittwoch, 5. Juli 2017

Hereinspaziert ...


Hallo, Fremder. Give me five!
Lass dich in die Arme schließen.
Lass dich freundschaftlich begrüßen,
denn die Zeit ist friedensreif.

Komm, ich zeig dir meine Stadt,
Land und Leute, Tal und Höhen.
Du sollst ungeschminkt besehen,
was mein Kiez zu bieten hat:

Hinterm Bunten auch das Grau.
Rausgeputzte Hausfassaden.
Alltagsmenschen, Maskeraden,
und am Deich den Morgentau.

Waldeslust im Mondschein.
Sonnenaufgang in der Aue.
Arme Schweine, stolze Pfaue.
Ebene und Stolperstein.

Kornblumen am Wegesrand.
Rosenkränze auf den Gräbern.
Tief im Heu nach Nadeln stöbern,
und den Spatzen in der Hand.

Rehe  .... morgens früh um vier.
Reiher, die nach Fischen tauchen.
Lämmer, die die Mutter brauchen.
Rindviecher mit Feingespür.

Menschen und den Kampf der Zeit.
Menschen, die Termine jagen.
Jammernde und all ihr Klagen.
Menschen ohne Menschlichkeit.

Menschen, die glückselig sind.
Menschen, die den Schwachen geben.
Menschen, die für andre leben.
Menschen und ihr innres Kind.

Dies und andres zeig ich dir.
Vorhang auf. Das Spiel beginne!
Heute ist ein Fest der Sinne,
und ein Tag der offnen Tür.

Lieber Fremder! Tritt herein.
Ich begleite deine Schritte.
Unter Freunden, in der Mitte,
sollst du stets willkommen sein.


(c) Bettina Lichtner

Montag, 3. Juli 2017

Vom Fremdeln


Wie ist der Mensch so undankbar!
Da lächelt man ihn freundlich an,
und erntet Schelte. Sonderbar ...
Was gestern gute Sitte war
führt heut' den Argwohn im Gespann.

"Was schaust du so?" Welch rauer Ton!
"Verzeihen Sie die Freundlichkeit ..."
Kaum ist 's gesagt, da wüten schon
der Missmut und der blanke Hohn
und wünschen mich gen Ewigkeit.

Was ist am Lächeln falsch, mein Gott?
Ich hab' es ja nur gut gemeint.
Ein netter Blick im grauen Trott
führt gleich zu bitterbösem Spott
und ist mit Teufels Blut vereint.

Kein Wunder, dass in dieser Welt
der Frieden schwer zu finden ist.
Wenn schon ein Lächeln nicht gefällt,
dann ist das Herz falsch eingestellt:
es steht bei Tag und Nacht auf Zwist.

Der rohe Mensch erträgt es nicht,
wirft ihm ein Mund ein Lächeln zu.
Er macht ein mürrisches Gesicht,
wird misstrauisch und hält Gericht,
und raubt sich selbst die Seelenruh'.

Er fremdelt mit der Freundlichkeit.
Bedauerlich. Sie stünde ihm ....
Ich schenkte meine Herzlichkeit,
er stand Gewehr bei Fuß bereit ....
Wir werden wohl kein gutes Team.


(c) Bettina Lichtner

Sonntag, 2. Juli 2017

Was zeigt die Uhr?



Wie die Tage galoppieren ....
Schneller noch als manches Pferd!
Ganz allmählich lässt sich spüren,
wer den Zug des Lebens fährt ...

Der Gevatter sitzt am Steuer.
Seine Eile schreckt mich auf.
Und es ist mir nicht geheuer
der rasante Stundenlauf.

Kann ja kaum die Träume leben,
die noch alle im Gepäck.
Dabei war es mein Bestreben,
aller Lebenssinn und Zweck,

mir die Wünsche zu erfüllen,
die ich mir zum Ziel gesetzt.
Doch entgegen meinem Willen
rennt mein Atem so gehetzt.

Rennt von Pflichten zu Terminen,
jagt das Geld und sucht das Glück.
Wünsche, die mir wichtig schienen,
schoben sich ins Nichts zurück.

Träume, die sich vorwärts drängten,
platzten, eh ihr Sein begann,
weil mich Nichtigkeiten engten,
und der Stress sich neu ersann.

Kind, wo ist die Zeit geblieben?
Kind, ach Kind, wo bist du nur?
Kind, wer hat die Zeit vertrieben?
Sag mir, Kind, was zeigt die Uhr?

Zeigt die Uhr, was längst vergangen?
Zeigt die Uhr den letzten Rest?
Zeigt sie, was just angefangen
und sich noch verleben lässt?

Trüg' ich wieder Kinderschuhe,
ach, ich hätte so viel Zeit.
Bald schon zieht die letzte Ruhe
mich in alle Ewigkeit.

Und die Stunden galoppieren!
Schneller Ritt zum Ende hin.
Alles werde ich verlieren,
wenn ich angekommen bin ...



(c) Bettina Lichtner