Mittwoch, 12. Juli 2017

Ein kleines Wunder



Drüben an der Haltestelle
sitzt ein Mann mit sich allein.
Da kommt eine Mademoiselle,
lullt ihn mit 'nem Lächeln ein,
dass sein Herz ihm wilde pocht,
und das Blut ihm brodelnd kocht.

Und sie schaut mit süßen Blicken;
schlägt gekonnt ihr Augenlid.
"Warum woll'n se mir entzücken?",
fragt er rasch. Und was geschieht?
Unversehens dreht der Wind,
und sie wird ein Teufelskind.

"Haste wat? Ick und entzücken?
Bild' dir bloß nix ein, mein Freund!"
Und sie buckelt ihren Rücken
wie die Hexe, und es scheint,
dass sie Böses bei sich denkt,
denn der Mann hat sie gekränkt.

Ihre Augen, schmal wie Schlitze,
deuten einen Angriff an.
Wie ein Speer die Zungenspitze ...
Nun verflüchtigt sich der Mann.
Und sie folgt ihm wie im Wahn.
Da verpassen sie die Bahn ...

Und der Mann rennt schnelle Schritte.
Und die Hexe hintendrein.
Und der Mann ruft eine Bitte:
"Lassen Sie das Folgen sein!"
Doch sie denkt ja nicht daran.
Und da fürchtet sich der Mann.

"Hilfe!", ruft er. Immer wieder.
Und die Schaulust gafft und gafft.
Und die Frau wird rüd- und rüder,
bis sie seinen Kniefall schafft.
Und er kniet wie zum Gebet,
während sie daneben steht.

Da passiert ein kleines Wunder,
denn die Hexe kniet wie er.
Amor gibt den Pfeilen Zunder
und verschafft sich rasch Gehör.
"Ick? Entzücken? Janz jenau ...",
haucht die kniebeugende Frau.

Und der Mann drückt auf die Schnelle
einen Kuss auf ihren Mund.
Wieder an der Haltestelle,
fragt er um den Ehebund.
Und noch eh er sich versah,
sprach sie ein entzücktes JA ....



(c) Bettina Lichtner

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