Freitag, 14. Juli 2017

Jede Stimme zählt



Mein erster Schrei. Die Welt in Trümmern.
Doch davon ahne ich noch nichts.
Ich blühe in zerbombten Zimmer,
wo sie mich hüten und sich kümmern,
und freue mich des Sonnenlichts.

Die düstren Wolken, die sich schieben
vor dieses warme Element,
bemerk' ich nicht. Ich möchte lieben!
Nichts kann mein Kinderglück betrüben,
das Träume nur und Freude kennt.

Kanonen schießen gegen Wände
und reißen Löcher, fenstergroß.
Und mich umschließen Mutterhände.
Und meine Kindheit geht zu Ende
mit Flammen, Angst und Donnerstoß.

Das Herz wird schwer. Wir müssen fliehen.
's gibt keine Antwort aufs Warum.
Wir müssen in die Fremde ziehen.
Es folgen ungeahnte Mühen,
und meine Stimme gibt sich stumm.

Bei Nacht und Nebel und mit Eile
bricht meine kleine Welt entzwei.
Nach einer ellenlangen Weile,
nach Meile, Meile, Meile, Meile,
bin ich gerettet, doch nicht frei.

In meiner Seele spür' ich Ketten,
die schnüren mir das kleine Herz.
Ach, wenn wir doch nur Frieden hätten ...
Nun soll ich meinen Körper betten
im fremden Land. Ich fühle Schmerz.

Mit knapper Not dem Feind entronnen,
doch fern der Heimat ungewollt.
So hat die neue Zeit begonnen.
Von denen, die sich glücklich sonnen,
hat keiner uns Respekt gezollt.

Ich träumte nachts von einer Bühne,
auf der ich stand, im Rampenlicht,
wo ich mit ernster Kindermiene
von Hoffnung sprach und auch von Sühne,
und dass kein Krieg mich je zerbricht.

Die Stimme hat Gehör gefunden.
Man jubelte. Es gab Applaus.
Der salbte meine Seelenwunden.
Nun war ich freudig eingebunden
ins fremde neue Gästehaus.

Doch nach der Nacht? Geplatzte Träume.
Die Stimme tastet heimatlos
durch fremde neue Gästeräume
der kargen, kalten Flüchtlingsheime,
und kämpft mit einem Tränenkloß.

Wie reich, wie reich kann der sich schätzen,
des Stimme eine Heimat hat,
die weit entfernt von Kriegsschauplätzen
erblühen darf mit freien Sätzen!
Ich lebte nie in solcher Stadt ...


(c) Bettina Lichtner


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